Zufriedenheit?

Eine gute Freundin, von Beruf Psychologin, erzählte mir folgende Geschichte: „Kommt da eine ältere Frau, so um die 70, die schon länger bei ihr sei, noch ganz empört und berichtet völlig außer sich, von ihrem Mann, der den ganzen Tag im Garten gearbeitet hat, um dann am Abend wohlig seufzend zu ihr zu sagen, wie zufrieden er nun doch sei! Und ja, so meinte sie, auch sie hätte gesehen, welch großes Stück er bearbeitet und dass ihr Garten nun wirklich wieder schöner geleuchtet habe. Aber z u f r i e d e n?? Nein, Zufriedenheit, das sei doch wirklich etwas ganz anderes!“

Worauf meine Freundin seelenruhig und gelassen zurückfragte, was denn für sie Zufriedenheit bedeute? „Ja also“, antwortete sie, schon ein Stück gelassener als zu Beginn, „zufrieden kann man doch nur sein, wenn sich etwas wirklich Überraschendes, Ungeplantes, und Unerwartetes ereigne. So ein unvermuteter Einbruch ins Geplante und Übliche würde sie zufrieden machen.“

Das klingt aber spannend, entgegnete ich meiner Freundin, um sogleich den Faden innerlich weiterzuspinnen. Und wirklich! Ergeht es auch mir nicht so in meinen Feiern?

Natürlich ist es schön, wenn alles läuft, wie geplant und abgesprochen, aber z u f r i e d e n, ja das ist mehr, anders. Etwa, wenn sich in einer Trauungsfeier Unerwartetes ereignet: Der Bräutigam kommt bei seinem persönlichen Trauversprechen, dass er – entgegen meines Rates – auswendig spricht, mehrfach ins Stocken. Mit mir und seiner Braut halten alle Mitfeiernden den Atem an. Jedesmal neu erinnert er sich und mit einem tiefen Lächeln zu seiner Braut hin, fährt er vergnügt fort, jede und jeder an seinen Lippen hängend.

Oder wenn ich – nach über 25 Jahren Gestaltung von Trauungsfeiern – immer seltener meine Mappe mit dem Ablauf und den Texten in Händen halte. Da spricht mich die Braut laut an: „Wollten wir denn jetzt nicht die Ringe rumgehen lassen?“ Und ich blöke vergnügt ins Mikrophon: „Was würde ich nur machen, ohne Dich? Natürlich werden wir jetzt die Ringe durch die Reihen geben, und jede/r die mag, kann still einen guten Wunsch darüber sprechen!“

Deshalb auch beginne ich jede Trauungsfeier mit dem Hinweis, dass dies eine offene, witzige, dialogische Feier werden soll, bei der man klatschen, weinen, lachen und Buh-Rufen darf, wenn etwas nicht stimme. Nicht selten dann, werfen Mitfeiernde während der Ansprache ein, dass sich dies und jenes aber doch so oder so zugetragen hätte, nicht wie ich es eben erzählt hätte. Aah, sehr gut! Gerne und dankbar greife ich das auf, schiebe den „Fehler“ auf mein schlechtes Gedächtnis, meine üble Klaue oder was auch immer und habe die Lacher auf meiner Seite. Selten sind alle anschließend so aufmerksam wie locker und manche Feier entwickelt sich völlig anders, als angedacht, aber stets schöner als geplant.

Und ja, hinterher, bin ich, ist das Paar, sind die Mitfeiernden zufrieden, weil sich unter uns, zwischen uns und aus uns etwas entwickelt hat, was mehr war als ein guter Plan oder eine straffe Leitung oder eine perfekte Organisation je hätten hervorbringen können.

Markus Grünling

(Die Darstellung und Beurteilung dieses Themas gibt die Meinung des Autors/ der Autorin wieder, nicht automatisch aller Mitglieder der AGFT)

(Bildrechte: Markus Grünling)

 

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