Wozu eine Vorratstasche?

Vier Jahre nach der Freien Trauung beerdigt Markus Grünling dem damaligen Bräutigam. Ein Essay, auf der Zugfahrt zur Trauerfeier entstanden.

Wozu eine Vorratstasche?

Jahr um Jahr ergab sich bisher, nie bewusst, sondern eher beiläufig, nebenher wie selbstverständlich, aus den Gesprächen und Feiern mit den Paaren eine Art Motto, ein roter Faden, etwas Verbindendes für all jene Trauungsfeiern, die ich moderiere. Mal waren es kulturübergreifende Elemente, ein andermal ein bestimmter Text, der mir öfters unterkam, dann wiederkehrende Symbole. Bisher …

Dieses Jahr nun, nach 13 Jahren als (vogel-)freier Theologe, schaue ich mich etwas verwundert mitten im Jahr um, reibe mit die Augen – und finde keines. Werde ich alt? Rutsche ich in eine – immer nur schwer zu vermeidende – Routine ab?? Nehme ich die Paar nur noch durch ein Raster war??? Wer kann das schon von sich sagen.

Dann aber fiel es mir wie Schuppen aus den Augen. Es war nach der Beerdigung einer guten Freundin, die mir – neben ihrem Herz – manche Tür geöffnet hatte. Als ich anschließend – langsam und mühevoll – wieder zu mir kam, da war es mir, als sei ich über eine Schwelle hinübergeglitten. So, als habe sich nun endgültig und unwiderruflich etwas in meinem Leben verändert. Mehr Freunde bei den Toten als bei den Lebenden? Ein Herrausflutschen aus einer gewissen Unbekümmertheit? Das Ahnen, das nun auch mein Ende näher kommt? Sei es, wie es sei: Hier also liegt dieses Jahr mein Schwerpunkt.

Am Freitag nun, im Zug Richtung Basel sitzend, unterwegs zu einer Trauerfeier im Freien für einen Bräutigam, dessen Trauung ich vor vier Jahren moderiert hatte. Auch das – wie so viel in diesem Jahr – neu für mich, seltsam, ungewohnt, schwer. Gegenüber eine Oma mit ihrem Enkel. Jede Menge Gepäck: zwei Rucksäcke auf ihren Schultern, jeder einen Koffer zum Ziehen und dazu noch zwei voluminöse Taschen, die sie vor sich herschleppt. Der Kleine ist aufgeweckt und pfiffig, weiß, was er will, heißt Marc und hat Down-Syndrom. Sie spricht mit französischem Akzent zu ihm und dann fließend Französisch als sie ihr Handy zur Hand nimmt. Vielleicht eine Oma aus dem Elsass.

Beim Aussteigen in Freiburg, helfe ich den Beiden, ihr Gepäck zu sortieren. „Das ist mein Koffer“, kräht er stolz wie Bolle und ich hebe ihn grinsend aus dem Gepäcknetz und reiche ihm ihn. „Auf Wiedersehn!“ sagt Marc und reicht mir die Hand. Dann macht er die Geste zum „Give me five“ und ich schlage lachend ein. Schließlich drückt er sich an mich heran, küsst mich jovial auf die Backe und schlendert dann, sichtlich zufrieden und im Reinen mit sich und der Welt seiner grand mère hinterher aus dem ICE.

Ich sinke ein wenig verblüfft über so viel Charme-Offensive in meinen Sessel zurück, halb lächelnd und halb bewundernd für so viel unverblümte Empathie, geteilte Nähe und großzügig verschwendete Zuneigung. Unerwartet gestärkt durch diese Begegnung fahre ich so der Trauerfeier entgegen. Murmle die Zeilen eines Gedichtes vor mich hin:

Wozu eine Vorratstasche
Liebe empfängt man nicht aus Konserven
Hoffe auf frisches Brot unterwegs

Markus Grünling(Die Darstellung und Beurteilung dieses Themas gibt die Meinung des Autors/ der Autorin wieder, nicht automatisch aller Mitglieder der AGFT)

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