Wo warst du

Manchmal wird ein Redner, der die Gedichte anderer in seinen Reden nutzt, selbst zum Dichter. Die Freude an der Sprache ist ja ein Teil des Berufs. Die bildhafte Sprache der Lyrik hilft, Dinge ausdrücken zu können, die rational nicht zu fassen sind, doch im Fühlen unser Leben bestimmen.

 

Wo warst du

wo warst du, wer auch immer da sein könnte,
warum hast du mich allein gelassen
wo finde ich hilfe
wer steht mir bei

 

ich bin verlassen auf weiter flur
weit und breit niemand.

 

ich suche und suche
ich schaue mich um,
ich hebe meine augen,
ich schlage sie nieder,
wohin soll ich schauen

 

von wo kommt mir hilfe und trost
allein gelassen bin ich,
keine freude, nirgendwo,
die lebensfreude ist hin,
matt und müde bin ich,
alle kraft hat mich verlassen.

 

und dennoch:

 

ich bin noch da.
ich lebe noch,
auch wenn es schwer fällt.

 

ich bin noch da,
ich atme ein,
ich atme aus,
auch wenn es schwer fällt.

 

ich bin noch da,
ich esse,
ich trinke,
auch wenn es schwer fällt.

 

ich bemerke die schönen dinge,
ich sehe die blumen,
ich spüre die menschen,
auch wenn es schwer fällt.

 

ich sehe den himmel,
ich höre musik,
ich höre mein denken,
ich spüre mein fühlen,
auch wenn es schwer fällt.

 

Auch wenn es schwer fällt: ich bin noch da, ich lebe, ich hoffe.
Es muss genügen, dass ich da bin und lebe und hoffe.

Wolfgang Reiffer

(Die Darstellung und Beurteilung dieses Themas gibt die Meinung des Autors/ der Autorin wieder, nicht automatisch aller Mitglieder der AGFT)

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