Wachsende Kreise…

„Ich lebe meine Leben in wachsenden Ringen, die sich über die Dinge ziehn. Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen, doch versuchen will ich ihn“, so Zeilen aus einem Gedicht von Rainer Maria Rilke.

Wir alle kennen den Tod als Bruch, als Auslöschen, als Verlöschen als Abbruch. Wer immer mit dem Tod näher zu tun hat, sei es als Ärztin, Pfleger, Seelsorgerin oder  Trauerredner, weiß, wovon ich rede. Ein sprechendes Bild dafür ist die abgebrochene Säule, die sich als Grabmal auf manchen Friedhöfen findet. Seit mehr als 25 Jahren moderiere ich Trauerfeiern aller Art, aber Folgendes ist mir in dieser Dichte erst einmal zugestoßen:

Wir sitzen auf Gartenstühlen unter einem Sonnenschirm auf einer Terasse. Wie stets bei solchen Gesprächen, versuche ich so aufmerksam, wie irgend möglich zu sein. Vorhin im Auto saß ich noch für zwei Minuten ganz still. Jetzt schiebe ich energisch alles Ablenkende beiseite. Hier zu sein, präsent sein ist nun die Aufgabe. Nuancen wahrnehmen: in der Stimme, dem Gesichtsausdruck, der Körperhaltung, der Umgebung, dem Licht. Der Person mir gegenüber Raum lassen. Dem Gesprächsverlauf eher kontemplativ folgend, als ihn aktiv zu bestimmen. Damit so eine Öffnung entstehen kann, wo die Beziehung zur Verstorbenen, manchmal der Tote selbst durchzuscheinen vermag.

Sie erzählt aufrecht, mit froher Stimme, ihr Gesicht hell, beinahe transparent. Wie sie sich kennenlernten, wie sie schon immer diese Zärtlichkeit in ihm mehr erahnte als fand. Von seiner Krankheit und ihrem gemeinsamen Weg damit umzugehen. Wie ihn dieses Schicksal weich machte, wie zärtlich sie diese Zeit miteinander auskosteten. Wir rund sich sein und damit auch ihr Leben zusammenschloß, nicht wegen, sondern durch dieses schwere Schicksal hindurch. Wie intensiv, ja sie gebraucht den Ausdruck ‚glücklich‘ sie diese Tage gemacht haben. Ich höre zu, ohne nachzufragen. Lasse alles in mich hineinfallen. Versuche allen vorschnellen Bewertungen galant aus dem Weg zu gehen. Weiß um die Tendenz Anderen, Fremden gegenüber Dinge zu schönen, im Rückblick manches mit goldener Farbe zu überpinseln.

Wie und was sie erzählt, die Übereinstimmung ihrer Worte mit ihren Gesten, ihres Lächelns und ihrer Tränen, ihres Schweigens mit  dem  Rhythmus ihres Erzählens schließen sich in mir zu etwas Rundem. Das Bild einer beschwingten Kurve, wohltuend und strahlend, macht sich in mir breit. Ungläubig den Kopf schüttelnd, stehe ich auf, um mich zu verabschieden. Bedanke mich noch einmal ausdrücklich für ihren Mut, das Geschenk ihrer Offenheit.

Welch‘ aufregende Perspektive: Der Tod als Möglichkeit sein Leben abzurunden! Manches hervorbrechen zu lassen, dass bisher – warum auch immer- unter der Decke geblieben ist. Sterben und Tod nicht als Bruch, sondern als Rundung, als Abrunden. Beschwingt und beschenkt breche ich auf ins Neue.

Markus Grünling

(Die Darstellung und Beurteilung dieses Themas gibt die Meinung des Autors/ der Autorin wieder, nicht automatisch aller Mitglieder der AGFT)

(Bildrechte: Markus Grünling)

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