Von Stalaktiten und Stalagmiten

Trauerfeier im Odenwald. Das Gebäude ein Betongebilde aus den 70 oder 80ziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Kurz vor Beginn die Sammlungsphase an der Eingangstür zur Trauerhalle. Auf den Atem achten. Ein letztes memorieren des Namens der Verstorbenen, ihrer Angehörigen, des Einstiegs in die Ansprache. Dann lasse ich los. Versuche so gut wie irgend möglich da zu sein. Nichts zu denken. Mich dem zu öffnen, was gleich geschehen mag.

Aus dem Augenwinkel nehme ich ein paar kleine Betonstalaktiten war, die sich durch eine undichten Stelle im Dach gebildet haben.  Dazu, wer kann das fassen, wachsen ihnen tatsächlich von unten her einige Stalagmiten auf dem Steinfußboden des Flurs entgegen.

Die Tür öffnet sich.  Ruhig gehe ich nach vorne, verbeuge mich vor der Urne, vor seinem Leben, der Trauer ihrer Angehörigen, lasse mich anfüllen von der Musik …

… erst einige Tage später fügt sich mir während eines abendlichen Spaziergangs die Szene zu einem Bild zusammen. Als sei es eine Fuge mit Punkt und Kontrapunkt, mit durchgehendem Motiv samt dessen Abwandlungen. Die Trauer, die immer eine Ritze im Beton findet, die durch uns hindurchsickert, den Kalk löst, in uns unablässig weitertropft. Die den massiven Deckel der Schutzschichten spielend durchdringt, uns entkernt, aushöhlt, wandelt hin zum Wesentlichen, Dich öffnet für die großen Fragen. Jedwede vorschnelle Antwort zersetzend.  Die alles Vordergründige auflöst, Dich unverhüllt ins Nichts blicken lässt.

Es braucht. Zeit, Energie, Kraft. Wut, Tränen, Geduld. Zähigkeit. Es braucht Menschen, die mitgehen, dabeibleiben, den immer gleichen Geschichten, Fragen, Vorwürfen zäh zuhören. Die sich dem Nichts stellen. Furchtlos. Ohne Angst vor dessen ätzender Macht. Dann, vielleicht, gelegentlich, hier und da, anfanghaft erblickst Du erstaunt ganz unten, am Boden Dir etwas entgegenwachsen. Sehr, sehr langsam. Zaghaft. Unwirklich. Aus dem Bodensatz Deiner Verlorenheit, Deiner Tränen, Deiner abgründigen Verlassenheit, Deiner schreienden Frage nach dem ‚Warum‘ wölbt sich Dir eine kaum wahrnehmbare Gegenwart entgegen.

Du und Deine Tote, ihr wachst zusammen, so wie sich in manchen Tropfsteinhöhlen, nach lang-langer Zeit Stalaktiten und Stalagmiten zu wundersamen Gebilden vereinen, tief verborgen im Schoß der Erde. Aus Tränen, Auflösung und Zeit gebildete Wunderwerke. Ja, so mag es stimmen: Die Trauer löst Dich auf und fugt Dich neu zusammen in unergründlichen Tiefen. Verwurzelt, verbunden, verwachsen mit all denen, die vor dir gingen.

Markus Grünling

(Die Darstellung und Beurteilung dieses Themas gibt die Meinung des Autors/ der Autorin wieder, nicht automatisch aller Mitglieder der AGFT)

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