Vogelzug auf der Hochzeitsmesse

Es waren die letzten herrlich-spätsommerlichen Oktobertage bei sonnigen 17° C im  Rheintal. Dennoch bleibt meine Laune eher umwölkt: Ich habe einen kleinen Stand auf einer Hochzeitsmesse.

Die supermoderne Heizanlage hat Probleme mit einem Außenfühler und lässt sich nicht so schnell korrigieren. Also kocht sie alle langsam aber sicher wie Dörrobst ein. Dazu spielen mehrere Bands gleichzeitig und lautstark. Mich durchpulsen regelmäßig innere Hitzewellen, als sei ich in den Wechseljahren.Als es draußen zu dämmern beginnt, schlüpfe ich durch eine Seitentür ins Freie, um Luft zu schnappen, abzukühlen und eventuell den Sonnenuntergang zu belauschen. Gestern, einen Tag vor der Zeitumstellung, beim Verlassen des Ausstellungsgeländes, hing eben der orangerote Sonnenball knisternd an einem letzten seidenen Faden über dem Horizont.

Meine Schritte wenden sich einer Trabrennbahn ganz in der Nähe zu, die von einer kleinen Zuschauertribüne umgeben ist, um von dort eine bessere Aussicht ins Weite zu erhaschen. Allerdings ist der Himmel bewölkt, so dass sich diesen Abend die Sonne nicht blicken lässt. Dennoch klimme ich nach oben, atme tief aus und stelle mich in den Wind, der mir Schläfen und Hände kühlt. Da! Direkt über mir, keine 10 Meter krächzende Rufe. Ein langer Zug von Gänsen, die in zwei Kohorten zu je etwa 10 Individuen, unterwegs sind zu ihren Winterquartieren im Süden. Die erste Vogelreihe, dicht hintereinander, beschreibt einen leicht ansteigenden anmutigen Bogen. Schnatternd hallen Rufe von der Leitgans nach hinten, und Aufmunterungen?, Korrekturen?, Protest?, Hungerrufe? von anderen Gänsen nach vorne. Der zweite Trupp fliegt still in einer akkuraten Reihe mit wenigen Metern Abstand hinterher, vielleicht Jungvögel.

Zum ersten mal in meinem Leben erlebe ich einen Vogelzug live, nicht nur im Fernsehen oder Kino. Still und aufmerksam sehe ich ihnen nach, breite meine inneren Schwingen aus und überwinde mit ihnen alle Grenzen, Sprachbarrieren und künstlichen Trennungslinien. Durch das Fliegen in einer Reihe sparen die Vögel bis zu 30 % an Kraftaufwand, eine gleitet auf dem Luftstrom der anderen. Nachts orientieren sie sich an den Sternen und am Magnetfeld der Erde, tagsüber an Flüssen oder markanten Landschaftsdetails. Um das rauszubringen, haben die Wissenschaftler Jahrzehnte gebraucht. Und noch immer, klopft man auch nur ein wenig an diesen Aussagen, bleibt der Vogelzug ein einziges Wunder: wie kommt eine sich ja dazu noch stetig ändernde Sternenkarte in das Gehirn der Vögel, oft noch angeboren, also vom Küken an? Woher wissen sie um Landschaftsbilder, die sie nie zuvor sahen? Was ist dies für eine erstaunliche Sinnesleistung, dass sie die Magnetfelder der Erde erkennen und sich daran orientieren können? Und was rufen sie sich zu?

Immerhin wissen wir Stück für Stück, dass alle Vögel, wenn auch mit einem anders konstruierten Gehirn als wir Säugetiere, über eine beachtliche Intelligenz und eine hohe Selbstwahrnehmung verfügen. So können etwa Gänse sehr gut zählen, bis in die Hunderter Zahlengruppe hinein. Inzwischen hat der Schwarm den Horizont erreicht und verlässt meinen begrenzten Sichtkreis. Selbst die Dunkelheit stellt für sie kein Hindernis dar, im Gegenteil, vielen Vögeln bietet die Nacht beim Ziehen Schutz und Ungestörtheit. Mit dem Ruf nach Freiheit und weit gespreizten Schwingen kehre ich ein wenig versöhnt zurück in den hitzigen und lauten Käfig der Selbstdarstellung, setze mich entspannt auf meinen Stuhl und schaue verträumt den vorbeieilenden Messebesuchern zu.

Frei sein, jemanden freien, wie man früher sagte, wenn frau oder mann um den anderen warb, gemeinsam die Schwingen ausbreiten und auf der Welle gegenseitiger Hochachtung starten, über alle Grenzen hinweg, hinaus ins Unabsehbare.

Markus Grünling

(Die Darstellung und Beurteilung dieses Themas gibt die Meinung des Autors/ der Autorin wieder, nicht automatisch aller Mitglieder der AGFT)

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