Totentanz modern

Totentanz Wandgemälde

Entstanden sind die Totentänze durch die Erfahrung der Pest, einer tödlichen Pandemie, die im Europa des 14. Jahrhunderts bis zu einem Drittel der Bevölkerung Europas vernichtete. Der schwarze Tod machte vor niemandem Halt: Bauer oder Bettler, König oder Edelmann, Papst oder Bischof – alle mähte er unterschiedslos nieder.

Seit jener Zeit finden sich  Bilder solcher Totentänze an die Wänden einiger Friedhofskapellen gemalt. Der Tod als großer Gleichmacher vor dem es kein Entrinnen gibt: Kind oder Mädchen, Greis oder Erwachsene, Mörder oder Ehrliche, jede nimmt er an die Hand und führt sie in sein Reich.

Hier liegt eine der wirkmächtigsten Wurzeln für unserer westlichen Zivilisation, so das Urteil der Historiker. Als weder Gebete noch Bittgottesdienste, weder Aberglaube noch Talismane, weder Bildung noch Reichtum, weder gute oder schlechte Lebensführung ausreichten, um den Zusammenbruch der Gesellschaften zu stoppen, genau da begann die verzweifelte Suche nach anderer Sicherheit, die Suche nach wissenschaftlichen Grundlagen. Eine Epidemie also begründete unsere Weltanschauung, bei der es um Rationalität, nachprüfbares Wissen, Funktionalität und Effizienz geht. Mit diesem Werkzeug hat Europa dann die halbe Welt erobert… Siebenhundert Jahre später, wieder in Zeiten einer Pandemie, die Gesellschaften erschüttert und die Welt in ihrem Griff hält, auch wenn jeder Vergleich zur Geisel der schwarzen Todes hinfällig scheint.

Eine kleine Gruppe von etwa 15 Personen, mit Masken vor dem Gesicht und in gebührendem Abstand steht auf einem alten Friedhof. Der Tote blieb die letzten zwei Wochen seines Lebens allein im Krankenhaus, niemand durfte zu ihm kommen. Nur durch das Telefon war ein Kontakt zu ihm möglich. Ein Mann mit ganz eigenem, norddeutschen, familieninternen schwarzen Humor. Als sich der Friedhofsbedienstete zur Urne bückt, um sie an den seitlichen Schnüren ins Grab zu lassen, hält er verdutzt die beiden Fäden in seinen Händen. Ein letzter Joke des Toten? Fragend sieht er mich an. Darauf legt er sich längs auf die Erde, um die Urne umständlich mit seinen Armen in die Erde hinunter zu lassen. Zum ersten mal seit 28 Jahren sei ihm so etwas passiert.

Nach den letzten Worten, einer Verbeugung sowie dem dreifachen Erdwurf ins Grab, kommen zuerst seine beiden Töchter nach vorne, um sich von ihm zu verabschieden. Auf ein sachtes Zuwinken meinerseits, spielt der Bestatter dazu ein weiteres Musikstück ab. Als dritte geht die Mutter seine Töchter nach vorne, die er in Brasilien kennengelernt hat, in einem kleinen Dorf am Ozean, bekannt als Urspungsort des Lambadas. Nein, sie geht nicht, sie tanzt! Jetzt steht sie am Grab, greift im Rhythmus der Musik zur Erde und wirft sie in beschwingtem Bogen hinunter zur Urne. Zurückgetanzt hält es sie kaum an ihrem Platz, sie schwingt, wippt und hüpft hin und her, solange das Lied erklingt.

Ein Totentanz, ein Tanz für den Toten. Leben am Grab.

Zunächst wirkt ihr Tanzen irritierend im Rahmen einer deutschen Trauerfeiern. Dann erinnere ich mich an die Gabenprozessionen bei afrikanischen Gottesdiensten. Alle tanzen nach vorne, bewegen sich unbekümmert zur Musik, bringen ihre Gaben vor und tanzen ebenso beschwingt wieder zurück. Kein Fest, keine Feier, auch keine Beerdigung sind in Afrika denkbar ohne Gesänge, Musik und Tanz. ‚Totentanz‘ klingt auf einmal anders im Ohr, strahlt frisch auf, schwingt hinüber ins ungeahnte …

Markus Grünling

(Die Darstellung und Beurteilung dieses Themas gibt die Meinung des Autors/ der Autorin wieder, nicht automatisch aller Mitglieder der AGFT)

Bildrechte: Markus Grünling

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