Tiere, Tod & Tönnies

Bild Schildkröte

Die ältesten Bilder, die wir kennen, sind – Tierbilder. Darstellungen von Wisenten, Pferden, Bären so geschickt an Wülste und Vorsprünge von Höhlenwänden angebracht, dass sie einem nach über 30.000 Jahren den Atem rauben, lebendig wie sie sind.

Zwei Dinge prägen sich bei der Betrachtung dieser Kunstwerke ein: Zum einen die  tief emotionale, ja religiöse Verbundenheit mit dem Tier. Eine Verwandschaft, ein Vertraut-sein jenseits der Worte. Und zum andern das Bedauern, das Schuldig-werden an diesen >Verwandten<, weil man durch deren Tod erst überlebt.

Vor 6000 Jahren dann in Oberägypten der erste Zoo. In Hierokoplois… als Zeichen der Macht lokaler Könige. Tiere aus ganz Afrika gefangen, herbeigeschafft und bestens ernährt. Nach dem Tod der Könige um diese herum bestattet: Elefanten, Nilpferde, Krokodile, Paviane, Wildhunde. Über 42 verschiedene Tierrassen. Auch diese Aussage bleibt klar – und prägt die ägyptische Religion über mehr als 3000 Jahre: Der König herrscht über das Chaos, für das die wilden Tiere stehen.

Die Tiere und der Tod, ein uraltes Thema also. Und wer wüsste es nicht, das Hunde gute Nasen haben, nicht nur Tumore sondern auch Traurigkeit riechen können. Sogar die unabhängigen Katzen können zum Wohlfühlwärmekissen mutieren, wenn sie spüren, dass ihre Bezugsperson im Sterben liegt. Aber Schildkröten?? Unlängst auf dem Friedhof, direkt am Grab, als alles gesagt und getan schien, trat die Frau des Verstorbenen vor, neben sich einen Freund, der sie stützte, in ihrer Hand eine kleine Stoffschildkröte.

„Bevor ich die auf seine Urne lege“, begann sie, „will ich euch noch was erzählen! Mein Mann war ja immer gerne im Garten und dort im Teich lebte unsere kleine Wasserschildkröte. Die Willma. Die beiden hatten ein ganz besonderes Verhältnis. Sobald er sich auf seine Bank setzte, kam sie zu ihm gelaufen, er nahm sie, setzte sie auf seinen Nacken, wo sie dann ruhig verharrte, bis er sie wieder absetzte. Wenn er im Garten umherging, folgte sie ihm auf den Fuß, als wäre es ein Hund…

Als er nun so krank wurde, dass er für lange Zeit nur liegen konnte, da nahm er Willma, setzte sie auf seine Brust und dort blieb sie regungslos bei ihm, bis er sie streichelte und wieder absetzte. Er war ein Mensch, der zu allen eine besondere Beziehung aufbauen konnte. Auch zu unserer Schildkröte. So hatte er in seinen unzähligen Krankenhausaufenthalten, bei den vielen OP’s wie bei sich daheim im Pflegebett immer eine große Stoffschildkröte um sich, als Symbol für seine Zähigkeit wie seinen Humor.  Da dieses Willma zu groß für sein Urnengrab gewesen wäre, haben wir heute einfach eine andere aus seiner Stoffschildkrötensammlung mitgebracht, die ihm ein guter Freund aus Galappagos mitgebracht hat.“

Damit wandte sie sich wieder dem Grab ihres Mannes zu. „So! Möge Dich diese Willma weiter begleiten, auf deinem letzten Weg hinüber!“ Und sie legte resolut die Stoffschildkröte auf seine Urne, als Zeichen der Geleitung in jenes Land, dass all unsere Worte sprengt. Tiere als Begleiter hinüber ins Andere…

Daneben Tönnies. Brutale Massentierhaltung allein auf Kosten-Nutzen-Basis. Tägliche Massenschlachtung von ebenso unwürdig bezahlten und untergebrachten Arbeitern aus Osteuropa. Tiere als Produkte.  Und daheim hunderttausende Hunde und Katzen, umhegt, gepflegt, gefüttert, operiert, betrauert und auf eigenen Friedhöfen beigesetzt. Der Mensch, das Tier und der Tod. Ein uraltes Thema in unabsehbaren Variationen.

Markus Grünling

(Die Darstellung und Beurteilung dieses Themas gibt die Meinung des Autors/ der Autorin wieder, nicht automatisch aller Mitglieder der AGFT)

Photo by Wexor Tmg on Unsplash

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