Seelenvogel

Seltsam, wo man überall zu Hause sein kann. Nach über zwölf Jahren Abwesenheit, betrete ich den Friedhof in W. wie ein Wohnzimmer.

Treffe am Eingang Bekannte, plaudere mit den Angestellten, werde vom Chef mit Handschlag begrüßt, sehe in leuchtende Augen, werde mit Namen angesprochen, umhüllt von einer Wolke aus Nähe und Freundlichkeit. Als sei kein Tag vergangen, werden mir Erlebnisse anvertraut, Leben, Lachen und Schmerz geteilt. Manches Grab hier ist mir Kompass auf meiner Lebensroute. Zwischen all den Toten bin ich zu Hause, eingefügt, daheim. Kein Fremdeln. Teile mit ihnen, wie mit den Trauernden Brot und Wein, Geschichten wie Geschichte.

Als hätten sie es abgesprochen, ein geheimer Vertrag im Jenseits geschlossen, versammelt sich Novembermorgen um Morgen auf einem stetig kahler werdenden Baumgipfel gegenüber unseres Fensters ein Taubenschwarm. Ruhig und still sitzen sie da, sicher ein Schock oder mehr. Seelenvögel.

Unwillkürlich wandern Gedanken und Erinnerungen, während ich aus dem Fenster schaue, inmitten der Arbeit, an die Verstorbenen: an meinen Vater, an all die Freunde, die nun schon ‚drüben‘ sind. Jahr um Jahr werden es mehr, eine Wolke, ein Schwarm von Platzhaltern am anderen Gestade.

So wie der Nebel im Park heute morgen alles mit seinem Weichzeichner umhüllt, so kommen mir warme, freundliche Bilder in den Sinn. Da leuchtet etwas wie ein Ankommen, eine heitere Erwartung, wie das Warten auf einen guten Freund.

Der Herbst in all seiner Pracht, seiner verschwenderischen Fülle an Farben, Formen und Gerüchen, an Früchten, Düften und mildem Licht gibt dafür den passenden Rahmen ab. Herbst – Wohnzimmer des Jahres; Baum, auf dessen Ästen die Seelenvögel sich wiegen im Atemwind.

Beim erneuten Aufschauen sind die Tauben verschwunden, lautlos, wie sie kamen. Oder nisten sie nur in einem anderen Herzen?

Markus Grünling

(Die Darstellung und Beurteilung dieses Themas gibt die Meinung des Autors/ der Autorin wieder, nicht automatisch aller Mitglieder der AGFT)

1 Kommentar

  1. Birgit Aurelia Janetzky sagt

    Lieber Markus, ich schätze deine Sprachgewandtheit und wie aufmerksam Du die zunächst unscheinbaren Dinge des Lebens wahrnimmst.

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