Sapphos Sehnsuchtsworte

Hinter dem Bräutigam schimmert turmalinblau das Meer. Ein erfrischender Windhauch geht um. In der Bucht davor liegen malerisch, als hätte sie eigens jemand arrangiert, einige Segelboote, die sich vergnügt in der leichten Dünung wiegen.

Auf den Bänken haben die Freundestruppe samt der Familie Platz genommen. Der Bräutigam steht barfuss im Sand und als er seine Braut kommen sieht im langen, griechisch anmutenden, weißen Gewand, ringt er vergebens mit seiner Fassung. Direkt neben dem Platz, an dem wir feiern, stehen schon die Tische, keine drei Meter vom Strand entfernt, an denen wir anschließend gemeinsam tafeln werden.

Auf einem kleinen Holztablett befinden sich zwei Jakobsmuscheln, Zeichen des Unterwegs-seins, welche die Ringe in sich bergen. Jede und jeder, der mag, kann seine Hand darüber halten, um dabei, still oder laut, einen Wunsch für das Paar zu sagen. Der Brautvater setzt  zu ein paar Worten an, muss dann aber aufgeben und so wandern die Trauringe leise durch die Reihen. Nach den bewegenden persönlichen Trauversprechen der Beiden regnet es Rosenblüten und Papierschmetterlinge auf die Szenerie, verbunden mit dem lauten Knallen der ‚Rosenkanonen‘. In einer bunten Wolke wehen sie über die Köpfe gen Meer.

Wir folgen ihnen – immer in den Fußspuren des Brautpaares – zum Strand, um dort dem Meer Papiertüten mit Kerzen anzuvertrauen, als weiteres Zeichen für all die guten Wünsche, die sie begleiten mögen. Der Bräutigam steht mit hochgekrempelten Hosen, die Braut mit gerafftem weißem Kleid im Wasser, um den zerbrechlichen Gefährten genügend Schwung mitzugeben. Dabei wird das Brautkleid untenrum leicht nass und als sie zurück aufs Land kommt, steigt sie wie Aphrodite aus dem tyrrhenischen Meer. Nach einer alten Legende soll sich ja aus deren Halskette die Insel Elba gebildet haben.

Dann sitzen wir an den Tischen am Strand, blicken hinaus aufs Meer, staunen, plaudern und laben uns an den mediteranen Köstlichkeiten, die Küche und Meer reichlich hergeben. Anschließend wird barfuß im Sand getanzt, die Braut im weißen Kleid samt ihrem Bräutigam als unermüdliche Vortänzer. Als es später wird, liegen wir auf Decken im Sand, über uns der Vollmond, als wäre es ein Traum. Wie Schmetterlinge umgaukeln uns Sapphos Sehnsuchtsstrophen, die Dunkelheit ummantelnd:

Δέδυκε μὲν ἀ σελάννα

καὶ Πληίαδες· µέσαι δὲ

νύκτες, πάρα δ᾿ ἔρχετ ὤρα·

ἔγω δὲ μόνα κατεύδω

 

Untergegangen ist zwar der Mond

und die Pleiaden. Nachtmitte schon

und vorbei geht die Stunde.

Ich aber schlafe alleine

Alle wird das Bild der am Strand auf einem weißen Kissen schlafenden Braut im Vollmondlicht noch lange begleiten, während wir um sie herumsitzen, zum Mond und den Sternen aufschauen, der Musik lauschen, und die Becher kreisen lassen. „Das wirklich Wichtige kann man nicht suchen. Das wirklich Wichtige findet Dich!“, so ihre Worte beim Trauversprechen.

Markus Grünling

(Die Darstellung und Beurteilung dieses Themas gibt die Meinung des Autors/ der Autorin wieder, nicht automatisch aller Mitglieder der AGFT)

Bildrechte: Markus Grünling

Kommentieren