Rückenwind

Eine weitere Momentaufnahme, diesmal von einer Freien Trauung von Markus Grünling.

Beim Betreten des Burghofs fallen einem umgewehten Stühle und monumentale Pflanzenkübel ins Auge, die der Wind wie Kinderspielzeug zur Seite gekippt hat. Ursprünglich war die Trauung auf der vordersten Spitze der Anlage, mit weitem Blick hinein ins Rheintal und bis rüber zu den Pfälzer Bergen geplant. Als ich die steilen Stufen bergab steige, wuschelt mir der Sturm durchs Haar.

Mühsam nur klimme ich die Treppe gegen den Wind hinab nach unten. Dort befindet sich eine Kapelle, an einer Seite offen, längs in den Berg getrieben. Bänke in Reihen, einen Teppich in der Mitte, Blumenständer an den Seiten und vorne ein mächtiger Tisch, davor vier Stühle fürs Brautpaar und die Trauzeugen, dahinter ein weiterer Stuhl. Aufseufzend betrachte ich das üblich öde Arrangement. Immerhin ist der DJ vor Ort. Gemeinsam drehen wir die Stühle fürs Paar und die Trauzeugen um, stellen den schweren Tisch weiter nach hinten, versuchen den Teppich mit allem möglichen gegen den Sturmesbraus zu beschweren, stellen die umgefallenen Blumenbehälter wieder auf, kehren die Scherben zur Seite. Voilà: einen Hauch besser! Wir beprechen kurz den geplanten Ablauf, er spielt die Musik an und zeigt mir das Mikro, falls der Wind heftiger werden sollte.

Derweil geht draußen ein kurzer Regenschauer nieder. Na Prosit, für jene Gäste, die an der offenen Seite der Kapelle sitzen, kann das ein nasser Spaß werden! Well, we gonna see…
Schon erklingt ein munterer Song, zu dem der Bräutigam mit seinem Trauzeugen einzieht; die Musik wechselt und es erscheint die Braut samt Trauzeugin. Alles erhebt sich und klatscht verhalten. Nach einer kurzen Begrüßung beginnen die Trauzeugen mit ein paar launischen Bemerkungen zu sich und zum Paar. Sie machen das authentisch und witzig, so dass immer wieder Beifall aufbrandet, Lachen und gemurmelte Zustimmung. Die Feier gerät langsam in tiefere Wasser. Aus Beobachtern und Gästen werden unmerklich Mitfeiernde.

Beim anschließendem Lied hält es den Bräutigam kaum noch auf dem Sitz. Er schnippt, wippt, wiegt sich im Takt, steht schließlich auf und unter spontan aufbrausenden Beifall tanzt er den Gang entlang nach hinten. Seine Braut, die Rationalere von Beiden, schließt die Augen und seufzt: Oh nein! Ohne mich! Aber schon umspült sie die Woge der Begeisterung, reisst sie von ihrem Stuhl und eh sie sich versieht tanzt sie ihrem Bräutigam entgegen. Staunen und ungläubiges Kopfschütteln auf den Gesichtern, als beide – von sich selbst überrascht – zusammen im Takt der Musik wieder nach vorne swingen, um entspannt und zufrieden grinsend Platz zu nehmen. Auf dieser Welle der Begeisterung und Offenheit surfend, enfaltet sich die Hochzeitsfeier wie ein Kitesegel bei aufkommender Bö. Eines fließt sich wie von selbst aus dem andern, und im Handumdrehen segelt das Paar gegen Ende der Trauung zuversichtlich und stolz ins Freie. Dort hat der Sturmesbraus inzwischen die Wolken samt dem Regen vertrieben und die Mitfeiernden strömen im Kielwasser des Paares hinterher, wild darauf aus gemeinsam weiterzufeiern. Was Wunder, dass die Fête wie eine Insel im Strom der Zeit bis in die frühen Morgenstunden ausgelassen weitergeht, erfüllt vom Glanz dieses neuen Beginns.

Markus Grünling

(Die Darstellung und Beurteilung dieses Themas gibt die Meinung des Autors/ der Autorin wieder, nicht automatisch aller Mitglieder der AGFT)

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