Rituelle Langsamkeit

Schnecke als Symbol für Langsamkeit

Picknick im Friedwald. Jede Menge Hunde – von klein bis groß – lagern idyllisch im Gras. Auf dem Weg in den finstern Tann zum Baumgab umspringt die ganze Zeit ein Rauhhaardackel, ihr Totemtier, die Urne. Dort am Grab fällt mir auf, wie sich die Angstellte auf beide Knie niederlässt, um dann die Urne sehr zentriert in die Erde zu senken.

Zehn Tag später auf ein neues am selben Ort. Auf mein Zunicken kommt sie nach vorne, legt ihre ausdrucksstarken Hände ruhig auf das Gefäß und lässt sie einen Moment länger als nötig dort liegen, als wolle sie nachspüren, wer darin anwesend sei. Mit einer entschlossenen Geste schließt sie die Urne fest in ihre Arme.

Wir folgen der Försterin gemessenen Schrittes immer tiefer hinein in den Wald. Biegen mal rechts, mal links ab. Wie im Märchen, wir würden wohl allein nicht mehr herausfinden. Der weiche Boden unter unseren Füßen, das Grün der Blätter, die Eicheln und Esskastanien auf dem Pfad, die würzige Luft, das durch Zwischenräume flutende Licht orchestrieren den Gang zum Grab.

Unter einer Buche machen wir halt. Sie stellt die Urne auf eine Baumscheibe, die über dem Einlassloch liegt. Nach einigen Worten nicke ich ihr erneut zu. Sie geht nach vorne, kniet vor der Urne nieder, nimmt die Schnüre, mit der die Urne herabgelassen werden kann, still in ihre Finger und entfernt sacht die Baumscheibe. Aufrecht kniend lässt sie dann behutsam, voller Achtsamkeit und sehr langsam die Urne Stück für Stück nach unten in das Erdloch gleiten. Sie ist ganz in dem, was sie tut. Ihre Bewegungen wirken fließend und gelassen.

Wer jahrelang hinter Urnen- oder Sargträgern einherging, wird meine Verwunderung teilen. Oft übernehmen den Dienst ältere Männer, schlecht angezogen, ungelenk, linkisch, grob oder tapsig, muffig riechend, vom Tod unangenehm berührt und folglich bemüht, so schnell wie möglich das Weite zu suchen.

Hier jedoch das ganz Andere. Ihre Konzentration, die Hingabe mit der sie die Urne begleitet, erinnert an eine japanische Teezeremonie. Danach tritt sie zurück, noch einmal letzte Worte am Grab, bevor Erde, Blumen und Beigaben verschiedener Art die Urne bedecken. Beim Weggehen von den Trauernden, kann ich sie nirgends entdecken. Steht sie hinter einem Baum? Habe ich das eben nur geträumt?

Langsam schlage ich mich durch Richtung Auto, auf labyrinthischen Pfaden durchs Grün. Versonnen, in mich versponnen wie in einen Kokon. Angesteckt von jener unbestimmten Macht der Langsamkeit, die Wellen schlägt in dir, wer weiß wohin.

Markus Grünling

(Die Darstellung und Beurteilung dieses Themas gibt die Meinung des Autors/ der Autorin wieder, nicht automatisch aller Mitglieder der AGFT)

(Bildrechte: Markus Grünling)

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