Rituale: ein offener Himmel

Nach Jahrzehnten wieder in Rom, wir sind im Pantheon, diesem phantastomatischen Bau aus dem 2 Jahrhundert: römische Baukunst vom allerfeinsten. Erst in den letzten Jahren gelang es Ingenieuren sich ein ungefähres Bild davon zu machen, wie die Römer es schaffen konnten, diese Kuppel zu konstruieren, die dem Ehrgeiz, dem Geld und dem Wissen der Renaissance-Päpste trotzte und die Kuppel des Petersdoms um zwei Meter schlägt.

Obwohl man nicht genau weiß, wozu der Bau ursprünglich geschaffen wurde, liegt die Vermutung nahe, dass er als Tempel den sieben göttlichen Gestirnen geweiht war und sicher auch Statuen von wichtigen Persönlichkeiten enthielt, nicht anders wie heute also, wo er als Kirche dient und als Grablege von Rafael, anderen Künstlern und Mitgliedern des italienischen Königshauses. Am beeindruckendsten ist das Opaion, die 9 Meter große Öffnung oben in der Kuppel, die das Licht von Sonne, Mond und Sternen ins Innere des kreisrunden Baus fallen lässt. Auch dem Regen wird übrigens großzügig Einlass geboten, der über kaum wahrnehmbare Kanäle auf dem Boden abgeleitet wird.

Wer je einmal in diesem Rundtempel der Antike stand, über sich den blauen Himmel und die Wolken ziehen sah, wird dieses Gefühl von Geborgenheit und Offenheit in einem nie wieder abstreifen können. Ein Tempel gebaut für Feiern und wenn wir ihn eingehend betrachten, können wir – fast wie nebenher – einiges lernen über die Bedeutung und Wirkweise von Ritualen.

  • Was uns normal, menschlich, allzumenschlich erscheinen mag, bekommt in diesem Bau durch das wandernde Licht von oben eine ganz eigene Würde: Die Lebenswenden zu feiern, zu würdigen, wert zu schätzen – die Geburt eines Kindes, die Liebe zweier Menschen wie den Tod – heben das Leben heraus aus dem Zufälligen, werfen Licht auf die großen Fragen, Sehnsüchte und Hoffnungen.
  • Die Rundform des Baus erinnert unausweichlich daran, dass alle Menschen durch diese Erlebnisse untereinander verbunden sind, ganz gleich welcher Rasse, Nation, Glauben oder Weltanschauung sie angehören mögen.
  • Die Kugelform des Tempels mit seinem Durchmesser von 43,30 Meter verweist ohne ein Wort auf die Geborgenheit, die Eingebundenheit in diese Zyklen, die uns Menschen verbinden mit allen Lebenwesen, ja mit dem All in seiner Gesamtheit.

Wenn ein Ritual seine Wirkung erweist, dann ergibt sich da etwas wie ein „Stück offener Himmel“ über uns, in uns – und sei es auch dunkle Nacht.

Markus Grünling

(Die Darstellung und Beurteilung dieses Themas gibt die Meinung des Autors/ der Autorin wieder, nicht automatisch aller Mitglieder der AGFT)

Bildrechte: Markus Grünling

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