Nackt und bloß auf der Walz

Woher nur nimmt dieser schmale 34jährige Mann aus der Großstadt, ohne Erfahrung im Unterwegs-sein oder Wandern, den Schwung einfach aufzubrechen? Mit einem 28 kg schweren Rucksack auf dem Rücken, unpassender Kleidung, ungeeigneten Schuhen, vor seinem Bauch ein Holzbrett dazu seine Freundin im dritten Monat schwanger?

Er zieht den Schwung seiner Wanderung von Berlin nach Basel, allein, zu Fuß und ohne Geld aus einer kleinen, unscheinbaren Erfahrung. Nach Jahren des Suchens hat er das Seine entdeckt: das Daumenkino! 36 längliche, schwarz-weiße Fotos zusammengeheftet in einem kleinem Schober aus grauer Pappe. Wenn Du sie mit Deinem Daumen durchblätterst, entsteht dadurch Bewegung, wird die unfassbare Zeit sichtbar.

Zuerst den Berliner Dom bei einer Vollmondnacht: Du siehst das Licht und den Mond kommen und gehen. Oder Männer auf einem WC, alleine zu zweit, dritt und mehrere, wie sie sich verteilen und aufstellen. Oder drei junge Menschen, von denen sich zwei intensiv küssen, während die dritte daneben in Einsamkeit erstarrt. Vor allem aber eines: Gesichter. Ihr Erstaunen, als es nicht bei dem einen, erwarteten Bild und der angedacht-einstudierten Pose bleibt, sondern die Kamera immer weiter surrt und klickt. In 12 Sekunden sechsundreißig mal. Plötzliches Erstaunen, manchmal Lachen huscht über die Gesichter, Erschrecken, Abwehr, dann ein sich Öffnen, ja ein sich Entblößen, ein sich Zeigen und seiner selbst gewahr werden in der Mimik , in Augen, die sich auftun bis hinab auf den Grund der Existenz.

Nun gut, aber woher schöpft er die Kraft in all den einsamen Wochen, mit Blasen an den Füßen, bald auf rohem Fleisch gehend, unter Schmerzen in Füßen und Rücken, in der unerträglichen Hitze des Sommers 2003, ungeschützt ausgesetzt der Begegnung, mit sich, der Natur und den Menschen? So seltsam es klingen mag, seine Ungeschütztheit, seine Verwiesenheit auf die Hilfe der anderen, öffnet ihm Ohren und Herzen. Jemand mit Zeit, langsam unterwegs, bereit zum Nehmen und Geben, zum Zuhören wie zum Erzählen. Immer auch zum Zeigen jener sechs Daumenkinos, die er auf seinem Bauchladen vor sich herträgt und hütet, wie einen Schatz.

Menschen sprechen ihn an, laden ihn ein, teilen Leben, Geschichten und Geschichte, einen Platz zum Schlafen, Wasser oder etwas zu essen. So wie jener alte Mann am Rande von Berlin, der ihm seine Wohnung zeigt, das Bett seiner verstorbenen Frau, seine Anzüge. Beim Photographieren verwandelt, nein verklärt sich sein Gesicht: Angesichts der Flut der Bilder springen ihm die Augen auf, er murmelt erstaunt vor sich hin, dann reißt er sich schwungvoll seine Kappe vom Kopf, die letzten Haare stehen fröhlich nach allen Seiten und seine Augen beginnen zu leuchten, immer mehr zu leuchten, so dass Du kaum noch hinzusehen vermagst. Lichtflut aus ihm ausbrechend…ungefiltert zu Dir schwappend, wo Du auch sein magst.

Woher nimmt dieser dürre Spargel nur die Kraft sich all dem zu stellen? Aus den leeren Zwischenräumen, die sich in seinem Daumenkino zwischen den Bilderfolgen auftun! Aus der Leere, aus dem Nichts also, ohne dass es kein Etwas gäbe. In seiner nackten Blöße entfaltet sich die Kraft zum Unterwegs-sein, zur Begegnung, zum Stehen zu seiner Verwiesenheit auf einen Blick, ein Wort, auf Wasser und Brot, auf Menschen, die es gut mit ihm meinen.

Die Zeit und das Dazwischen, die Poesie der Armut und Leere, das Erstaunen im Angesicht des Anderen – all das findest Du in seinen Bildern und – kaum zu glauben – auch in Dir. Stille breitet sich aus im sonst so lebhaft lauten Gastraum im Kellermann, in dem wir in Potsdam ungläubig gebannt Volker Gerling und seinen Daumenkinos folgen.

[Im März trafen sich die Mitglieder der AGFT in Potsdam. Teil des Programms war ein Abend mit dem Daumenkinographen Volker Gerling]

Markus Grünling

(Die Darstellung und Beurteilung dieses Themas gibt die Meinung des Autors/ der Autorin wieder, nicht automatisch aller Mitglieder der AGFT)

(Bildrechte: Markus Grünling)

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