Nach Walhalla wallen

Dreihundertachtundsiebzig Stufen über dem Donautal, zwischen Protzomanie und Disney-World, liegt weithin sichtbar die „Ehrenhalle der Teutschen“, von Ludwig I. exakt dem Parthenon in Athen nachgebaut. Zeichen seines Philhellenismus wie seiner verzweifelten Hoffnung auf Einigkeit.

Errichtet von 1831-1842, war sie ein Antwortversuch auf den Zerfall des ’Heiligen Deutsch Reiches‘ 1806 unter den Schlägen Napoleons, sowie auf die bittere Erfahrung, dass die zersplitterten Fürsten- und Königtümer mit und gegeneinander, mit und gegen die Franzosen kämpften. Wodurch neben ihrer Unbedeutendheit auch noch ihre Unfähigkeit offen zu Tage trat.

Oben angekommen ein herrlicher Weitblick, innen marmorne Kühle, ein Ludwig I. in griechischer Denkerpose, sowie 160 gipserner Büsten 60 Gedenktafeln hoch über den Köpfen, dazu ein paar Jugendstilwalküren, das Dach tragend. Man schaut sich nach einem Rundgang durch den seltsam leer wirkenden Tempel etwas verlegen an und fragt sich, was wir als Freie Theologen eigentlich hier suchen? All zu leicht vergisst man, dass dies hier eine einzige große Frage umkreist: Wer sind wir eigentlich und was hält uns zusammen? Die Sprache? Eine gemeinsame Geschichte? Musik? Literatur? Kultur? Religion?

Angesichts so vieler Menschen auf der Flucht eine erstaunlich aktuelle Frage. Trotz eines leichten Schmunzelns in aller Gesichter, wirkt das alles doch ziemlich „teutsch-angestaubt“, liegt hier eine der Wurzeln des deutschen Nationalstaates. Durch den deutsch-französischen Krieg 1871 von Bismarck initiiert, entwickelte sich aus dieser Nationalstaatidee in rascher Folge der Erste und der Zweite Weltkrieg.

Wir halten es mit dem Spötter Heine, „Denk ich an Deutschland in der Nacht, bin ich um meinen Schlaf gebracht“ und folgen der Einladung seiner mit deutlichem Missbehagen nach außen schielender Büste hinaus ins Freie.

Gerade ist Europa wieder dabei seine Grenzen dicht zu machen, wuchert die Frage, ob wir in Abgrenzung oder eher in Kontakt zu anderen erkennen können, wer wir sind. Und wuchern nicht eben gerade wieder der längst für obsolet gehaltene Nationalismus und sein Bruder, der Rassismus wie ein Krebsgeschwür unter der Haut?

Die Walhalla war für die Germanen eine Halle für die ehrenvoll gefallenen Kämpen, die dort mit Odin an seiner Tafel zechen konnten, bedient von den Walküren. Wir denken an all die Toten der Kriege, damals wie heute, schütteln uns im hellen Licht und steigen die Stufen hinab gen Regensburg, wo der „ewige Reichstag“ tagte, Vorbild für das Parlament in Brüssel. Versuch einer friedlichen Einigung über alle Grenzen und Partikularinteressen hinweg.

Markus Grünling

(Die Darstellung und Beurteilung dieses Themas gibt die Meinung des Autors/ der Autorin wieder, nicht automatisch aller Mitglieder der AGFT)

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