Liebe, die jeglichen Rahmen sprengt

Welch‘ Bild wäre passender für die Liebe, als unterwegs zu sein in einem Planwagen? Einerseits zusammen und geschützt, zum anderen offen und ausgesetzt. Gemeinsam voranzukommen, langsam aber stetig.

Zu Zwölft sitzen wir um einen schmalen Tisch herum, vor uns auf dem Kutschbock die Kutscherinnen, ganz vorne zwei mächtige Kaltblüter, die uns drei Stunden lang über Berg und Tal ziehen werden, von Meßkirch nach Thiergarten.In den Händen ein Sektglas oder einen Kaffeebecher, vor uns Butterbrezeln, stoßen wir auf das Paar an, das eben im Rathaus standesamtlich geheiratet hat.

Es ist Gründonnerstag. Um den Tisch herum sitzen die Braut mit ihrem Bräutigam, ihre zwei Kinder aus erster Ehe, eine Freundin aus Kleinkindertagen, ein Freund aus ihrer Berliner Lebenszeit, der fotografiert, auch schon bei der ersten Eheschließung fotografiert hat, dazu die Eltern des Bräutigams samt dessen Bruder, ein alter Freund von ihm mit seiner Frau – und ich, Freund und Kollege der Braut.

Auf den ersten, noch etwas ungewohnt ruckeligen und zuckeligen Metern, beginnen wir mit einer launigen Vorstellungsrunde: unseren Namen, woher wir kommen, was wir gerne machen, was uns mit Braut und/oder Bräutigam verbindet. Nicht nur der Kindermund bringt uns zum Grinsen, auch was Freunde oder Eltern so zu erzählen wissen, lässt vor Lachen Bauch und Seele baumeln. Unglaublich, was für Geschichten …

Auf diesem wohlig warmen freundlichen Grund tanzt dann leichtfüßig das Ritual. Der Bräutigam dankt seinen Eltern, die es nicht immer leicht mit ihm hatten und dennoch zu ihm hielten und halten. Stille senkt sich über uns. Und vertieft sich noch, als die Braut eine Kerze für ihren verstorbenen Bruder und die beiden toten Eltern entzündet. Kaum haben wir so „die Ahnen“ zu uns gebeten, reißt der Himmel auf und die Sonne zeigt sich. „Aah, schaut mal, da haben wohl einige von oben mitgeholfen!“

Irgendwann unterwegs steigen wir aus, Schneeberge am Rande, legen eine lange Efeuranke ums Paar, streuen einen weiteren Kreis mit Blüten außenrum und bilden mit unseren Körpern einen dritten Kreis um die beiden im Zentrum. In der Mitte von allem, ganz innendrin, immer die Hingabe …, nenne es, wie immer du magst. Halb lachend, halb weinend tragen sich die beiden ihr persönliches Trauversprechen vor, dem man ihren Weg, ihren Kampf, ihren Stolz und ihre Liebe anmerkt. Die Kinder treten in den äußeren Kreis und bringen die Ringe, die sich die Frischvermählten einander anstecken.

Während die Freundin aus Kindertagen beginnt, mit dem Saxophon eine immer wilder werdende Melodie zu spielen, geht das Paar zu einem Baum, einen großen, hölzernen Bilderrahmen in den Händen. Der Fotograf macht ein erstes Bild, beide Köpfe außerhalb des Rahmens. Dann zerbrechen sie gemeinsam den Rahmen an dem Stamm als Symbol dafür, dass ihre Liebe jeden Rahmen sprengt: Den Rahmen aller klassischen Konventionen, was Alter, was Leib, was Schablonen von Mann oder Frau-sein betrifft. Im Guten wie im Befürchteten. Dann wird ein weiteres Bild geschossen, diesmal innerhalb des gesprengten Rahmens, die Häupter nah beieinander.

Mit einem bunt-humorvollen Strauß spontaner guter Wünsche beschließen wir die Zeremonie, um gemeinsam weiter gen Donautal zu ruckeln und zu zuckeln, einem leckeren Mittagsmahl entgegen, das wir uns alle reichlich verdient haben…

Wer neugierig auf weitere Einzelheiten geworden ist: auf ihrer Webseite hat Christiane auch selbst etwas zu ihrer Hochzeit geschrieben.

Markus Grünling

(Die Darstellung und Beurteilung dieses Themas gibt die Meinung des Autors/ der Autorin wieder, nicht automatisch aller Mitglieder der AGFT)

(Bildrechte: Karsten Kiehlmann)

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