Leben mit den Göttern – eine Buchbesprechung

Dieses Buch ist eine Wucht. Hmm, das ist zu massig. Dieses Buch blendet mit seinem Wissen. Aah, zu großkotzig. Dieses Buch führt einen einmal um die Welt. Wahr, aber nicht besonders treffend. Dieses Buch erzählt Geschichten, das einem der Atem stockt. Es zeigt Bilder, dass einem Hören und Sehen vergeht. Richtig aber nicht mehr.

Wir erzählen uns Geschichten, um zu leben‘ (Joan Didion)

Dies Buch verblüfft mit Leichtigkeit, Lässigkeit, Finesse, mit einer englischen Eleganz. Was Wunder, dass sich dies schwere Buch – mit immerhin 541 Seiten – so federleicht in jede Hand schmiegt. Das Beste aber: Dies will kein „Besser-Wessi-Buch“ sein. Nein, es stellt Fragen. Leise. Zurückhaltend. Behutsam.

Es ist spannend wie ein Netflixfolge mit faszinierenden Bilder aus aller Welt. Vor allem aber wird die eine, wichtige, entscheidende Frage gestellt. Die Frage, an der alles hängt, auf die es ankommt. Nicht anders als im Mythos von Parzival und König Arthus. Als der König darniederliegt und mit ihm sein ganzes Reich. Kein Arzt weiß Rat, alle Weisen sind verstört, niemand findet Hilfe. Bis dann der ungehobelte Narr hereinplatzt, um gegen alle höfischen Konventionen, direkt und ungestüm, die eine Frage zu stellen, auf die es ankommt: Wo ist der Gral?

Wenn unsere Welt immer weiter zusammenwächst, all die Kulturen, Religionen, Geschichten; wenn immer mehr Menschen aus immer ferneren Ländern auf Wanderschaft gehen müssen, wie finden wir eine Erzählung, in der alle ihren Platz finden? Eine Erzählung nicht nur für die Lebenden, nein auch für die Toten und die Ungeborenen. Eine Geschichte, in der auch die Tiere, die Pflanzen, die ganze Natur ihren Platz finden. Eine Erzählung, die uns zeigt und uns hineinnimmt in das, was wir im Grund sind: Soziale, vernetzte Lebewesen im Austausch mit allen und allem.

Sie finden, dies ist eine blödsinnige, akademische, unnötige, überflüssige Frage und wir hätten – bei Gott – genug andere, vordringlichere Fragen zu lösen? Im Gegenteil! Dies ist die eine entscheidende Frage – bei Zeus, Juppiter, oder an wen sie glauben bzw. an wem oder was auch immer sie zweifeln mögen – an der unser Überleben als Menschheit hängt. Werden wir es schaffen, aus den unterschiedlichen Bezugssystemen, aus den verschiedenen Überlieferungen und Religionen, in denen wir alle leben, etwas zu kreieren, etwas entstehen zu lassen, eine solche – weite, witzige, beeindruckende, verständliche – Geschichte zu erzählen, dass möglichst viele und vieles darin Platz finden? Denn mit unserer jetztigen Erzählung, so kindisch, platt, einfältig wie weltumspannend – Geld ist das Höchste auf der Welt – vereinzeln wir uns zu blöden Konsumenten, ruinieren wir die Welt, von, in und mit der wir leben. Damit können wir keinen Weg in die Zukunft finden, weder für uns, noch für unsere Kinder, von den Enkeln ganz zu schweigen.

Dieses Buch bietet keine Antworten. Es lässt den Blick – neugierig, unvoreingenommen, genau – schweifen. Allein wer die richtige Frage stellt, kann sich in die Richtung einer möglichen Antwort bewegen. Für jede und jeden, der mit Ritualen arbeitet, für alle, die gerne über den Horizont hinausschauen, für jene, die sich eher für Fragen denn für (vorgegebene) Antworten interessieren: Lesen! Lesen! Schauen und staunen! Und: Beginnen eine neue Geschichte zu erzählen…

Markus Grünling

(Die Darstellung und Beurteilung dieses Themas gibt die Meinung des Autors/ der Autorin wieder, nicht automatisch aller Mitglieder der AGFT)

(Bildrechte: Markus Grünling)

Neil MacGregor, Leben mit den Göttern
ISBN 978-3-406-72541-8
Erschienen am 12. Oktober 2018
542 S., mit 245 überwiegend farbigen Abbildungen
39,95 €

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