Leben, lieben uns sterben in Zeiten von Corana

Alleinlebende vermissen Nähe und Berührungen; Liebende werden eng zusammengedrückt, was wilde Verschmelzungsfantasien wie eruptive Abstoßungsreaktionen hervorlockt; Trauernden fehlen Möglichkeiten zu Kontakten, seien es Theater, Sport oder gesellige Treffen, während viele Sterbende in ihren letzten Stunden allein bleiben.

Allen aber, Liebenden wie Trauernden, Alleinlebenden wie Sterbenden wird die Fragilität, die Zerbrechlichkeit des Lebens massiv vor Augen geführt. Der süßlich-faulige Atem des Todes, sonst ebenso galant wie leichtfüßig verdrängt, liegt schwer über allem. Äußere Strukturen, Tagesabläufe brechen zusammen, innere Strukturen müssen plötzlich aufgebaut oder aktiviert werden. Der Umgang mit Stille, Muße, Langeweile und dem Nichts-tun will wieder – wie in Kindertagen – entdeckt, erobert und ausgemessen werden. Wo Ablenkungen wegfallen, zeigt sich das Eigentliche. Stellt sich die pochende Grundfrage: Wie als Mensch, wie menschlich leben im Wissen um den eigenen Tod?

Mögen andere Kulturen auch über dieses erstaunte Erwachen aus dem Schlaf der Gewohnheit lachen – sei es in Mexiko, Südafrika, Pakistan oder Syrien, wo der Tod ein täglicher Begleiter und so normal ist, wie es bei uns der Winter-, Pfingst- Sommer- , Herbst- und Winterurlaub einst war. Wir hingegen reiben uns die Augen und können es kaum fassen: Ein winziger Virus aus dem Mutterschoß der Natur bringt die Welt, wie wir sie zu kennen glaubten, ins Wanken. Der kleine knöcherne Finger des Todes hält unser sich immer schneller drehendes Kinderkarussel mit atemberaubender Leichtigkeit an.

Sogar die schippernden Käseglocken eines obzönen Luxus, die wie aufplatzende Eiterbeulen ihren Inhalt über die schönsten Orte der Welt ergossen, die Kreuzfahrtschiffe, baumeln wie ausgestorbene Dinosaurier an ihren Ankerketten. Nichts ist mehr so, wie wir es gewohnt waren. Und wir ahnen längst, wie ein Grummeln im Bauch, dass es nie mehr so werden wird.

Auch ZermonienmeisterInnen, LeiterInnen und Moderatoren von Feiern oder Freie Theologinnen haben nüchtern betrachtet anderen nichts voraus. Obwohl immer wieder hineingestellt in dieses sehr spezielle Spannungsfeld von Leben und Tod – bei Geburtsfeiern, Trauungen wie Beerdigungen –  bleiben wir dennoch umhüllt, eingelullt und umfangen von der Atmosphäre unserer Gesellschaft. Dort aber ist der Tod ein ungebetener Gast, ein Chlochard in unseren Städten, ausgegrenzt wie die Friedhöfe, versteckt wie die Trauernden, verschämt verschwiegen wie blutende Hämorriden am Hintern.

Allein schwer Erkrankte, denen die Schreckensnachricht schon überbracht wurde, dass ihre Tage gezählt sind, die nur noch wenige Tage, vielleicht ein paar Wochen, wenn es hoch kommt ein oder zwei Jahre zu leben haben, nicken nun mit ihrem Kopf. Sie kennen dieses Gefühl einer grundstürzenden Verwirrung gut. Zwei Dinge lassen sich von Todkranken lernen: Tag um Tag leben. Nur das tun, was frau bzw. man wirklich liebt.

Wie federleicht das klingt, wie schlicht. Und bleibt doch wie alles Einfache eine lebenslange Übung. Sich um den heutigen Tag zentrieren. Morgen, das Sorgen, die Befürchtungen sein lassen. Jetzt leben. Unterscheiden lernen, was wichtig, was unwichtig ist. Selbstkritisch prüfen, wo das eigene Herz schlägt und pulst oder was ich allein deshalb tue, um andere zu beeindrucken, weil es alle tun, weil es angesagt ist, weil ich es immer schon so gemacht habe.

Markus Grünling

(Die Darstellung und Beurteilung dieses Themas gibt die Meinung des Autors/ der Autorin wieder, nicht automatisch aller Mitglieder der AGFT)

Bild von Lukas Baumert auf Pixabay

Kommentieren