Inocentiu Fron: Ich bin freier Theologe – mein Traumberuf

Inocentiu Fron begleitet Brautpaare in freien Zeremonien. Was reizt ihn an dieser Arbeit? Und wie ist das, wenn man regelmäßig den unterschiedlichsten Paaren hilft, den Bund fürs Leben zu schließen?

Sie sind seit 10 Jahren als freier Theologe tätig. Ist Zeremonienleiter Ihr Traumjob?

Als ich meine erste freie Trauung in einem Park in München durchgeführt habe, kannte ich den Begriff „Zeremonienleiter“ nicht. Ich kam aus dem theologischen Bereich und wollte nur „weiter machen“- als Seelsorger vielleicht. Nach einigen Recherchen im Web entdeckte ich die Seite der Arbeitsgemeinschaft Freier Theologen (AGFT). Die Idee fand ich faszinierend, doch eine solche Tätigkeit außerhalb der Kirche ergab für mich noch keinen Sinn. Aus eigener Legitimität das Recht zu nehmen, Mitmenschen zu „lehren“, zu „leiten“ und zu „segnen“? Diese erste von mir geführte Trauzeremonie wurde so etwas wie ein kleiner, wackeliger und von Unsicherheit begleiteter Schritt. Jetzt nach vielen Jahren weiß ich, dass die Entscheidung richtig war. Und ja, die Zeremonie-Gestaltung wurde für mich mit der Zeit ein TRAUM aber doch kein JOB.

Was ist das für eine Stimmung, wenn man vor den Paaren steht, die sich ein Eheversprechen geben?

Das kann ich so nicht beschreiben. Manchmal schweben die Gefühle hin und her: Aus welchem Grund entstehen die emotionalen Augenblicke während sich zwei Menschen zu ihrer Liebe bekennen und diese vor ihren Familien und Freunden öffentlich machen? Ich glaube es ist ihr persönliches Charisma, das an der Oberfläche auftaucht, weil sie es Liebe-voll ernst mit ihrem Leben meinen. Ihre Absicht in einer freien Zeremonie zum Ausdruck zu bringen erfordert (für manche zumindest) sehr viel Mut und wenn sie in diesem besonderen Augenblick sich trauen, mit eigenen von Herzen ausformulierten Versprechen das Ja-Wort zu geben, dann strahlt eben dieses Charisma hinaus. Die Gäste spüren es, ich aus nächster Nähe am stärksten.

Wie sind Sie zu dem Beruf gekommen?

Als Ministrant wollte ich keine Trauung, keine Taufe oder auch keine Abschiedsfeier in der Kirche vermissen. Ich mochte die feierliche Atmosphäre, die Musik, vor allem gefielen mir die Augen der Menschen, die wie imaginäre Fluchtlinien in Richtung des Geschehens strahlten. Ich muss zugeben, dass ich mich dabei überdimensioniert als „wichtiger“ Bestandteil der Feierlichkeit sah. Das war immer meine Berufung. Zum beruflichen Freien Theologen kam ich, wie bereits erwähnt, durch einen befreundeten Kollegen.

Wenn Sie sagen, die Arbeit als Zeremonienleiter ist heute Ihr Traumjob. Was ist das Schöne daran? Die vielen glücklichen Gesichter?

Ich habe die Antwort in dem vorherigen Abschnitt antizipiert. Richtig, die vielen glücklichen Gesichter, die strahlenden Augen des Paares sind für mich Motivation, weiter zu machen. Wenn eine Trauung gelingt, das Brautpaar strahlt und auch die Eltern sich danach bedanken, dann bin ich glücklich. Ob das immer und immer wieder und ausnahmslos gelingt, möchte ich hier nicht mutmaßen. Oft fahre ich auf dem Rückweg nach Passau auf endlosen Autobahnen und spule im Kopf den Verlauf der bereits geführten Zeremonie zurück, wie ein Film in Slow Motion-Modus, um nach Fehlern zu suchen. Mit „Fehlern“ meine ich Gefühle zu verletzen – durch zu viel Selbstdarstellung, aufgebauschte Eitelkeit, Ironie oder schlechte Vorbereitung. Die Erlösung kommt fast immer einen Tag später mit dem Feedback des Paares: „Lieber Ino, wir möchten…“. Dann schlafe ich wieder gut.

Wie sieht eine normale Begleitung bei Ihnen aus?

Was heißt normal in dieser immer schneller werdenden Welt? Ich bin auch Grafiker von Beruf und wer in der Branche arbeitet, meidet sich als „normal“ zu bezeichnen. Und so ist es mit der Begleitung meiner Paare auch. Es fängt an mit der Gestaltung der Homepage, google Analyse, regelmäßig das Handy nach Anfragen checken, Paare einladen, Termine im Outlook eintragen und dann, dann steht das Paar vor der Tür: Nun ist Schluss mit Hektik – wir sitzen lange in meinem von mir liebevoll benannten „little parish office“, trinken Coffee und „scannen“ uns gegenseitig. Es geht in dieser Phase ebenso wenig um Musik, Hochzeitskleider oder Location, es geht vorerst ums Kennenlernen, Persönlichkeitscheck, Sympathiemessung, Storytelling (erzählen Sie Geschichten, keine Märchen!), Glaubensrichtung, Überzeugungen, und auch ein wenig um die gestalterischen Möglichkeiten.

Wenn der Sohn/ die Tochter eines Nachbarn Sie nach Ihrem Beruf fragen würde, was würden Sie ihm/ihr sagen?

Die Jungs von heute wollen alle Fußballer werden, die Mädchen Supermodels. Würde ich sie über eine brillante Karriere als „Zeremonienleiter“ aufmerksam machen, würde ich vielleicht ein Grinsen als Antwort bekommen. Oder vielleicht nicht: Auf Hochzeiten erlebte ich Mädchen, die ein großes Talent und Gespür für Zeremonielles zeigten, Buben beschäftigten sich gerne mit der Tonanlage, damit die musikalische Begleitung auch gelingt. Ich würde die Nachbarskinder ermutigen, im Religions- bzw. Ethikunterricht eine Zeremonie zu gestalten und durchzuführen – als Übung eben.

Welche Voraussetzungen müsste er/sie mitbringen?

Charisma, künstlerische Fähigkeiten, Idealismus, Balance und Empathie und vor allem Kommunikationstalent. Eine Zeremonie ist Medium, man kann dadurch viel Positives transportieren.

Gibt es bei den Zeremonien auch mal lustige Begebenheiten, oder ist das alles immer feierlich ernst?

Sehr unterschiedlich. Zwischen lustig und ernst gibt es eine immense Palette an Stimmungslagen. Ich würde den Begriff „lebendig“ anstatt „lustig“ verwenden. Je weiter Richtung Süden, desto lebendiger soll die Atmosphäre werden. Im Norden sind die Menschen zurückhaltender, das heißt aber nicht, dass sie humorlos sind. In Northamptonshire, England wurde mir einen Clown beigestellt, der zwischendurch Ausrufe avancierte wie: „Brilliant, you m’duck!“.

Fällt Ihnen eine Begebenheit bei einer freien Trauung ein, die Sie Ihr Leben lang nicht vergessen werden?

Ja, ganz am Anfang bei meiner vierten oder fünften Trauung auf einem Bio-Gutshof in Österreich. Ich war sehr aufgeregt und voll auf die Umgebung konzentriert. Irgendwann merkte ich eine Gruppe von Männern in Sportanzüge, die die Trauung in dem eingezäunten Gärtchen verfolgten. Später beim Essen auf der Terrasse des Hotels kam ein zehnjähriger Bub mit einem Bierdeckel in der Hand und fragte mich, ob ich mit ihm zum Foyer gehen würde. Er hätte gerne ein Autogramm eines Fußballers und ich sollte für ihn übersetzen. Die Männer in Sportanzug waren Spieler des FC Napoli. Ich sagte einem der Männer, er soll bitteschön eine gute Tat tun und dem Kind seinen Namen auf dem Bierdeckel kritzeln. Und er antwortete ohne zu zögern: Si Padre, certo! Kurz drauf kamen weitere Hochzeitsgäste dazu – alle mit einem Bierdeckel in der Hand.

Was bedeutet es Ihnen freier Theologe zu sein?

Kurzgefasst: Die Durchführung alternativer Zeremonien ist für mich, nach zahlreichen Jahren positiver Erfahrungen, eine Leidenschaft geworden. Diese Arbeit bringt mir Erfüllung, denn die zeremonielle Gestaltung ist, neben meiner aktuellen Tätigkeit als Grafiker, Teil meines Lebens.

[Mit diesen Fragen geben die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft freier Theologen Einblicke in Ihre Arbeit. Nehmen Sie mit Inocentiu Fron Kontakt auf, wenn Ihnen weitere Fragen auf der Zunge liegen.]

 

 

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