Inflation der Hochzeitsredner – gibt es Unterschiede?

Liebe Leserin / lieber Leser – stellen Sie sich doch mal vor, Sie wachen eines Morgens auf und denken: „Ich bin jetzt Hochzeitsredner(in)!“ – Dann folgt hier die frohe Botschaft: Ja, das sind Sie dann tatsächlich! Es kann Sie keiner daran hindern, sich so zu nennen, Sie brauchen keine besondere Qualifikation, keine Zulassung, je nachdem auch noch nicht mal einen Gewerbeschein.

Sie hatten vielleicht immer schon Lust, sowas mal zu machen und es sind ja immer solch glückliche Momente, in denen Sie die Menschen dann erleben: Herz, was willst du mehr?! Sie haben keine Scheu, vor Menschen zu reden, verbal sind Sie ja schon immer ganz gut drauf und ein paar gute Ideen für Rituale haben Sie auch schon, vielleicht auch noch aus der eigenen Hochzeitsvorbereitung. Eine Webseite ist schnell gemacht, muss ja nicht gleich eine für teures Geld vom Profi sein – da gibt es vielleicht eine Bekannte, die ein bisschen Ahnung hat von Webdesign. Dann noch schnell was auf Facebook und Xing – fertig! Das dauert eigentlich nicht mal zwei Wochen. Und die erste Anfrage aus dem erweiterten Bekanntenkreis ist auch schon da. Im Internet sind alle gleich.

Ist das so?

Ja, äußerlich auf jeden Fall. Wir erleben tatsächlich seit etwa drei, vier Jahren eine wahre Schwemme von Hochzeitsrednern und Hochzeitsrednerinnen, wobei die Damen übrigens deutlich in der Mehrzahl sind. Sei es als Zubrot zu etwas Anderem oder eben weil man als Braut nach der selbst so sorgfältig organisierten Hochzeit irgendwie in ein Loch fällt, wenn alles vorbei ist („after-wedding-gape“).

Dazu haben manche Hochzeitsprofis sogar eine regelrechte (und nicht gerade billige) Ausbildung zusammen gestellt, allen voran Weddingplannerinnen, die ja so oft schon Freie Trauungen erlebt haben – wenn man oft genug zugeschaut hat, kann man das natürlich auch. Und organisieren kann eine Weddingplannerin und überdies kann man ja auch als Interessentin mal bei bestehenden Ausbildungen anfragen, was denn da so alles dazu gehört. Dann noch eine kleine Zertifizierung gebastelt mit einer schön gestalteten Urkunde – fertig ist das nächste Standbein. Alles ist schön, alles ist möglich, wir dienen glücklichen Menschen, was gibt es Schöneres?

Doch, es gibt Schöneres!

Dass mit solch einer Entwicklung eine enorme Verflachung einhergeht, ist, denke ich, nachvollziehbar. Es reicht eben nicht, ein bisschen reden zu können und ein paar Klischees zu erfüllen. Wer als HochzeitsrednerIn arbeitet, sollte auch einiges an Ausbildung und Erfahrung mitbringen, z. B. eine Ausbildung in personenzentrierter Gesprächsführung; vielleicht auch ein bisschen Seelsorge- oder Psychologiestudium, oder eine therapeutische Ausbildung. Denn bei einer Trauung geht es um einen einmaligen und entscheidenden Moment im Leben zweier Menschen; um eine Weichenstellung, die man nicht mal eben revidieren kann. Was die Brautleute erleben, ist – auch im durchaus weltlichen Sinne – ein „heiliger“ Moment. Da ist es gut, wenn der- oder diejenige, die diesen Prozess, diesen Lebensübergang, begleitet, auch so einiges an reflektierter Erfahrung mitbringt. Denn nur was ich selber erfahren und reflektiert habe, kann ich bei anderen auch erkennen und sie ggf. da hindurchführen. „Ich gehe mit dir, denn ich kenne deinen Weg“ – das Grundadagium der Begleitung: Ich gehe nicht voran, ich komme auch nicht hinterher, sondern ich bleibe dir ganz nahe, denn ich habe ein tiefes inneres Wissen von dem, was da gerade in dieser Lebensphase in dir/euch umgeht. Darum geht es bei einer Trauung – es geht um Verstehen, nicht um billige Effekte.

Bevor man etwas mit Worten, Riten etc. zum Ausdruck bringt, sollte man es erst einmal selber verstehen und innerlich berühren. Dazu bedarf es der geleiteten und reflektierten Erfahrung und eines geschulten Blicks und nicht nur eines Koffers mit allemal ach so schönen und lustigen Möglichkeiten. Sonst wird es eine oberflächliche Show, in der das Brautpaar sich selbst inszeniert, so wie es sich selbst gerne sehen würde. Und der Redner oder die Rednerin steht dabei und übertüncht die Ahnungslosigkeit mit jede Menge Zuckerguss.

Liebe Leserin / lieber Leser, bitte suchen Sie sich jemanden, der Ahnung hat und lassen Sie sich Ihre Trauung, das Fest Ihrer Liebe, nicht zu einer Show machen.

(Die Darstellung und Beurteilung dieses Themas gibt die Meinung des Autors/ der Autorin wieder, nicht automatisch aller Mitglieder der AGFT)

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