Im Auge des Orkans

Hurrinkan

Im Auge des Orkans ist es still. Unheimlich still. Während um dieses Zentrum des Atem-holens sich der Sturm immer schneller zu drehen beginnt, mit 100, 200 oder 300 km/h.  Mancher, manch eine, mag sich momentan ähnlich vorkommen.


Draußen brodelt die Pandemie auf und ab, steigen und sinken die Zahlen der Ansteckungen, nun schon über ein Jahr. Drinnen im Haus und in einem selbst breitet sich eine Ruhe aus, von der man nicht so recht zu sagen weiß, ob sie einem behagt oder unheimlich wird…

Hochzeiten werden wieder und wieder verschoben oder ganz gecancelt. Geburtsfeiern angesichts der Pandemie abgesagt. Selbst Trauerfeiern tröpfeln nur noch spärlich: Immer mehr Menschen werden bestattet, ohne das jemand die Urne oder den Sarg begleitet. Wortlos. Ohne eine Feier, um den oder die Verstorbene zu würdigen… Auch an den Gräbern würgende Stille.

Für manch‘ Freie Theolog*in stellt sich in dieser anscheinend endlosen Pandemie immer lauter die Frage: Wer bin ich eigentlich ohne meinen Beruf? Und darunter jene andere Frage: Wie halte ich es aus alleine mit mir selbst? Wie halte ich es aus in diesem ‚Raum der Stille‘? Ohne die üblichen Begegnungen. Ohne überschwängliche Feiern. Ohne Museen oder Konzerte. Ohne Reisen oder Besuche. Ja fast ohne Echo.  Wer bin ich – alleine auf mich gestellt – im Auge des Orkans? Bohrende Fragen, die einen an den Malstrom von Edgar Allan Poe erinnern, der alles und jeden in seinen wirbelnden Schlund hineinzuziehen droht.

Andererseits, ohne zumindest zu ahnen, wer wir im tiefsten Inneren sind, ohne allein sein zu können – wie sollten wir je mit jemand zusammenleben, zu jemanden sprechen, so dass die / der andere berührt wird? Wer sich der Furcht stellt, der mag sich anderes eröffnen:

Im Auge des Orkans  – im Raum der Stille
beginnen die Dinge
zu reden
klare deutliche Sprache

In der Mitte des Labyrinths
grünt das Niedergetretene
hier ein Halm Hoffnung
dort ein Büschel Zuversicht

In der
Brunnentiefe
kauert
ein Du

So wird sich vielleicht in dieser ‚wüsten Zeit‘, in Wüstenerfahrungen jeglicher Art mit der Zeit ein inneres Fundament herauskristallisieren, eine Art schlichtes Vertrauen noch über dem Abgrund, das uns gelassener, präsenter und fröhlicher im ‚Hier und Jetzt‘ leben lässt. Im Auge des Orkans, in der Mitte des Labyrinths, in der Tiefe des Brunnens oder wie immer dieser Ort umschrieben wird, lauert kein Minotaurus, keine tierische Schreckensgestalt, sondern unser Selbst.

Eine ebenso herausfordernde wie ungeahnt lohnende Erfahrung…

Markus Grünling

(Die Darstellung und Beurteilung dieses Themas gibt die Meinung des Autors/ der Autorin wieder, nicht automatisch aller Mitglieder der AGFT)

Bild: janeb13/ pixabay

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