Hundstage

Sprachgewaltig nimmt Markus Grünling den Hochsommer ins Visier, der ihm in seiner Dachwohnung Temperaturen wie im Backofen beschert.

Hundstage

Wenn sich der Sirius mondbleich aufgedunsen wie ein TBC-Kranker klammheimlich ans Firmament schleicht, sich die Sonne in Blut und die Menschen in hechelnde Hunde verwandeln, die Zunge trocken-schlapp aus einem übel stinkenden Maul hängend; penetrant die Luft raubender Mülltonnengestank um triefende Körper wabert; aus jeder verschwitzen Pore sich die Blumen des Bösen ins Licht falten: eben noch frisch verliebte Paare sich wegen kindischen Kleinigkeiten an die Gurgel gehen; Streitlust und Rechthaberei wuchern wie Schimmel im Keller; sich in aufgequollenen Hirnen Mordgelüste anspeichern wie Strom in Sonnenkollektoren; die Flüsse versanden zu stinkenden Fischkloaken voller moosgrün-pilzbefallenem Zivilisationsmüll; mit einem bösartigen BOTZ der Strom ausfällt samt den unheilvoll knurrenden Ventilatoren; in Autos, die im Freien standen oder deren Klimaanlage versagte, unzählige Totschläger sich zum Streit zusammenballen; wenn Dachwohnung zu qualmenden Backöfen mutieren; Betonautobahnen aufplatzen wie weißliche Eiterbeulen; Anzugträger zu wankenden Schweißklumpen zusammen-schnurren; Badeanstalten zu schreiend vollgepropften Chlorhuhnkäfigen verkommen; Senioren in Seniorenresidenzen wie Backpflaumen in der Sonne ausdörren; Bier nur lauwarm, wie zur Grippeimpfung, aus hohlen Fässern tröpfelt; wenn sich die Sahara ungeniert rülpsend bis Mannheim ausdehnt; plötzliche Regengüsse einzig dazu da sind, um die Luftfeuchtigkeit auf 150% hochzuschrauben; fünf Hemden fünfmal hintereinander wie Pattex am Körper kleben; du während des Duschens zu schwitzen beginnst; die tropischen Nächte sich grienend und feixend mit fiesen Gewittern um Schlaflosigkeit, Kopfweh, Migräne und Erbrechen kümmern; endlose Autoschlangen zu Ferienbeginn auf verstopften Asphaltbahnen wie in einem Drehgrill langsam geröstet werden; Vögel tot, aber kross vom Himmel fallen; sich alle in der Hölle lachend die verschwitzten Hände abklatschen; die AKW’s bedrohlich zu flackern beginnen, weil die brackigen-braunen Flüsse nicht mehr zum Abkühlen taugen; wenn harmlose Menschen sich mitten am Tag in Bestien, die allen mittelalterlichen Bestiarien blass aussehen lassen, verwandeln; wenn der uralt-gußeisern-hohle Moloch seinen schwarzglühend-gierigen Hochofenschlund aufreißt, um behaglich furzend alle und jeden zu verschlingen: Dann, dann endlich glüht der Hochsommer, den ihr euch alle so lange gewünscht habt.

Markus Grünling

(Die Darstellung und Beurteilung dieses Themas gibt die Meinung des Autors/ der Autorin wieder, nicht automatisch aller Mitglieder der AGFT)

1 Kommentar

  1. Klaus Behner sagt

    na, mit dieser Einstimmung kann die nächste Hochsommer-Hochzeitsrede ja nur phänomenal werden! – Beste Grüße aus dem etwas kühleren Norden!

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