Hinter’m Schleier

Rituale halten sich lange und – keinerlei Widerspruch – entstehen immer wieder spontan neu. Weshalb? Nun sie sind eine tief im Menschen verwurzelte Verhaltensweise zur Krisenbewältigung, zum Durchspielen von neuen, uns darum ängstigenden Veränderungen.

Neben den vier großen Lebenswenden – Geburt, Erwachsenwerden, Heirat wie dem Tod – gibt es eine Unzahl weiterer Veränderungen, die uns mal mehr, mal weniger, herausfordern. Betrachten wir die Grundstruktur einer jeden Veränderung, so lässt sich da immer ein „kleiner Tod“, wie eine „kleine Geburt“ finden. Unser „Kind-sein“ etwa stirbt, während wir uns in der Pubertät in Erwachsene wandeln, ja als Frau oder Mann neu geboren werden.

Kürzlich bei einer türkischen Hochzeit, im kleinen Rahmen von 400 statt 1000 Gästen, beobachte ich ein weiteres mal das uralte Ritual rund um dass sogenannten Flammeum, den roten Brautschleier. Zwei Musiker eilen zum Eingang der Halle, um dort das Brautpaar abzuholen. Gemessenen Schrittes, bedächtig sich wiegend, mit Pauken- und Schalmeienklang ziehen sie gemeinsam ein. Besser, sie tanzen herein und mit ihnen ein Gefolge von Frauen und Männer, die im Kreis mit dem Paar schwingen. Dieser öffentliche Zug vor aller Augen galt schon zu Zeiten der alten Griechen und Römer, als einer der entscheidenden Riten bei einer Hochzeit. Denn wie die Ritualforscherin Angelica-Benedict Hirsch sagt: „Rituale kommunzieren soziale Realitäten nicht durch die Ansprache, sondern durch öffentlichen Vollzug.“ [1]

Darauf folgt mein Part: Begrüßung, Gedicht, Haupttext, Ansprache, Traufragen und als wichtigster Punkt das Unterschreiben einer Trauurkunde vor den Augen der Eltern und Geschwister des Brautpaars. Ringe werden keine getauscht (das ist kirchlicher Brauch ab dem 12. Jahrhundert), noch gibt es einen Kuß in der Öffentlichkeit. Auch während der Ansprache wird im sich erst langsam füllenden Saal munter weiter geplaudert. Die Gäste wissen eben, worauf es ankommt. Danach nämlich erst nähert sich der zeremonielle Höhepunkt der Feier. Die Musiker greifen zu den Instrumenten, laden alle zum Mittanzen ein, während in der Mitte der Bräutigam seiner Braut ein kleines Geschenk überreicht, und – erst dann – ihren Schleier lüften darf.

Der rote Schleier: ein über 2000 Jahre alter  römischer Brauch. Einst rund ums Mittelmeer befolgt, heute nur noch praktiziert in Bulgarien und der Türkei. Das Rot steht für Blut, Fruchtbarkeit, für Wärme, Energie und Liebe: für den Tod und das Leben also. Der Schleier hingegen, der gerade ja wieder in Mode kommt, bzw. nie ganz aus der Mode war, ist mit der Hochzeit verknüpft, solange wir geschichtlich zurückschauen können. Er gilt als Zeichen des „Sich-Verbergens“, typisch für die sogenannte ‚Liminalphase‘, die Zwischenphase also, während eines Übergangrituals. Daneben benennen die Fachleute eine Abtrennungs- bzw eine Angliederungsphase.

Um den Weg aus dem Haus des Vaters hinüber ins Haus des Künftigen zu überstehen, verschleiert sich die Braut. Oder um den Zwischenzustand zwischen ‚Mädchen-sein‘ und ‚Frau-werden‘ zu markieren. Und natürlich birgt so ein Sich-Verbergen, um sich dann wieder zu enthüllen, eine deutlich erotische Komponente in sich. Nur was entdeckt der Bräutigam hinter dem roten Schleier? Die Augen seiner Braut in deren Antlitz. Auch dies ’nichts als‘ ein Hinweis, ein Verweis auf ihre Person. Die wiederum ein Geheimnis ist und bleibt. Denn das sind wir Menschen: Keine Rätsel, die zu entziffern wären, sondern uns selbst wie jeder/m anderen ein abgründiges Geheimnis, schleierumwoben….

Markus Grünling

(Die Darstellung und Beurteilung dieses Themas gibt die Meinung des Autors/ der Autorin wieder, nicht automatisch aller Mitglieder der AGFT)

Bildrechte: Markus Grünling

[1] Warum die Frau den Hut aufhatte, Angelica-Benedict Hirsch, 2008, Vandenhoeck & Ruprecht, S. 51

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