Herz an Herz

Zum Trauergespräch bei einer kleinen, qicklebendigen Frau, die nur so sprudelt und mir ihr wie ein Wirbelwind ihr halbes Haus zeigt. Sie wirkt wie Ende sechzig, wird aber bald achtzig. Sie murmelt ununterbrochen: „Da kann man nichts machen! Damit muss ich jetzt eben klarkommen…“

Ihr Mann ist gestorben, der stets gesund und immer sportlich war. Den Schrank mit seinen Pokalen durfte ich ausführlich bewundern samt der Kellerbar um die Ecke. Beide sind lebenslustig, gerne feiernd, mit vielen Freunden rund um die Welt unterwegs gewesen.

Und dann das: Überraschend, schnell, unabwendbar. Innerhalb kurzer Zeit, kam er von der Lungenklinik direkt ins Hospiz.

„Was soll man da sagen? Da kann man eben nichts machen!“ Sie hat einen bezaubernden sächsischen Singsang aus den neuen Ländern, der mir direkt ins Herz geht.

Immer mal wieder ruft sie bei mir oder dem Bestatter an, um nachzufragen, ob auch alles so läuft, wie besprochen. Vielleicht aber nur darum, um sich selbst durch ein Gespräch mit anderen zu versichern, dass sie nicht bloß schlecht geträumt hat.

Die Trauerfeier findet im großen Verwandten-, Bekannten-, und Freundeskreis statt, aber zur eigentlichen Beisetzung will sie niemand außer der allerengsten Familie um sich haben. „Das wird mir zu persönlich!“ Ich verspreche ihr gerne, noch einmal mitzukommen, damit die Urne nicht nur so, ohne persönliche Worte und Geleit, beigesetzt wird.

Sie waren sechzig Jahre verheiratet und noch immer schwärmt sie von ihrem Mann. Auf der Urne befindet sich ein schwarzes Samtherz, daneben ins Metall graviert einen hellen Schatten. Als die Urne ins Urnenfach gestellt, sie ihre Blumen abgelegt und die Urne ein letztes mal mit ihrer Hand ausführlich geherzt hat, wischt sie unermüdlich – als letzten Liebesdienst – den Schnee von der Schleife am Kranz und von den roten Rosen, die im Gebinde stecken. „No, wos gonn ich sonst noch mochen?“

Ich erwähne, dass ich noch nie so eine Urne gesehen habe, mit einem Herz aus Samt darauf. Sie nickt still vor sich hin und meint dann, zu ihrem Mann gewandt: „Mein Herz bleibt bei Dir! Mein Herz und dein Herz bleiben für immer beisammen!“

Im Umwenden und Gehen bleiben diese Worte, dieser Eindruck, zusammen mit ihrem Verstummen und den Augen, die ihn im Nirgendwo erblicken.

Markus Grünling

(Die Darstellung und Beurteilung dieses Themas gibt die Meinung des Autors/ der Autorin wieder, nicht automatisch aller Mitglieder der AGFT)

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