Ha Shem oder der Name

„Ich habe mich immer so geschämt“, erzählt mir seine Frau während des Trauergesprächs, „weil er immer alle Leute geduzt hat! Und wenn ich ihm gesagt habe, er solle damit aufhören, dann hat er nur gesagt, ‚Mit dem Herrgott bin ich per du und die soll ich siezen‘?“

Beim Erzählen lächelt sie und auch seine beiden Töchter schlagen sich oft vor Lachen auf die Schenkel. Ihr Mann und Vater war ein stadtbekanntes Original.

Mir zieht der „Don Quichotte der Religion“ durch den Sinn, John Fox, Gründer der ‚Gesellschaft der Freunde‘. Im 17.Jahrhundert quer durch England wandernd, zog er vor niemand seinen Hut und duzte Groß und Klein, Bauern wie den König…

… und fuhr dafür seelenruhig des öfteren  ins Gefängnis ein. Seine Begründung war messerscharf: Vor Gott sind alle gleich, da in jeder und jedem „etwas von Gott“ sei, egal welche Kleider oder Titel er trage.

Der Talmud fällt mir ein, in dem es heißt sämtliche Engel im Himmel hätten bei der Übersetzung der hebräischen Bibel ins Griechische drei Wochen lang geweint.

Unter anderem deshalb, weil der Name Gottes – der Unbegreifliche und Unfassbare – das sogenannte Tetragramm JHWH, das sich etwa mit „Ich bin für Dich da“ oder „ Ich werde für dich da sein“ übersetzen lässt, im Griechischen zumeist mit „kyrios“ übersetzt wurde.

Und Kyrios bedeutet „Herr“ …

Na und,  was macht das schon für einen Unterschied ?

Nun, wer Gott als „Herren“ versteht, beschreibt, ihn als „Herr“ anbetet, der ändert den Charakter des Gottes der hebräischen Bibel merklich: Von einem Tu-Wort, einem Verb, einer Verheißung des Handelns und der Nähe hin zu einem über allen ‚feist thronenden‘ Chef.

Und wenn ich dann in einem Amt einen solchen „Chef“ vertrete, dann kann, ja muss ich beinahe ebenfalls den Chef raushängen. Angefangen von den Kleidern über die Titel bis hin zu dem, wie ich umgehe mit meinen, nein, eben nicht Mitarbeitern, sondern Untergebenen.

Jeglichem Mißbrauch von Amt und Würden, Macht, Einfluss und Sexualität sind damit Tür und Tor weit geöffnet…

– Geparkt hat er auch, wo immer er wollte, bis schlussendlich sogar der Ordnungsdienst der Stadt kapitulierte…

Wir weinen und lachen Tränen zusammen, während ich feierlich beschließe, öfter das du und ihr in den Zeremonien zu benutzen und noch weniger als bisher auf Titel oder Kleider zu achten.

„Gelobt sei sein Name, der die Großen klein und die Kleinen groß macht!“

Markus Grünling

(Die Darstellung und Beurteilung dieses Themas gibt die Meinung des Autors/ der Autorin wieder, nicht automatisch aller Mitglieder der AGFT)

(Bildrechte: Markus Grünling)

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