Gudrun Ahlborn-Honemann: Ich bin freie Theologin – mein Traumberuf

Gudrun Ahlborn – Honemann begleitet Brautpaare in freien Trauungszeremonien und bei Hochzeitsritualen. Was reizt sie an dieser Arbeit? Und wie ist das, wenn man regelmäßig den unterschiedlichsten Paaren hilft, den Bund fürs Leben zu schließen?

Sie sind seit 1997 als freie Theologin tätig. Ist Zeremonienleiterin Ihr Traumjob?

Als einen „Job“ bezeichne und verstehe ich meine Tätigkeit nicht, sondern immer wieder als einen besonderen Auftrag meiner Kunden, für dessen Umsetzung es jedes Mal neu viel Empathie, eine gute Portion Kreativität, Neugierde auf Lebensgeschichten und eine beständige Lust an freiberuflicher Selbständigkeit bedarf. Im Rückblick auf die lange Zeit, die ich nun schon als freie Theologin und Rednerin arbeite, bin ich, ehrlich gesagt, manchmal selber überrascht, mit welch reichem Füllhorn an Sprachfähigkeit, Ideen und offenbar auch Einfühlungsvermögen mich das Leben beschenkt hat. Insofern kommt mir mein Beruf doch manchmal wie ein Traum vor, den ich leben kann und von dem ich auch leben kann. Die souveräne Leitung von Zeremonien ist dabei ein Aspekt von mehreren, denn auch begleitende (seelsorgerliche) Vorbereitungsgespräche, gehaltvolle und zugleich kurzweilig ansprechende Reden oder sinnstiftende Rituale gehören dazu.

Was ist das für eine Stimmung, wenn man vor den Paaren steht, die sich ein Eheversprechen geben?

Natürlich bin ich, wie jedes Paar und seine Gäste auch, in eben diesem Moment während einer freien Trauung aufgeregt und ergriffen. Schließlich ist das Eheversprechen das „Herzstück“ jeder Trauungszeremonie. Vor allem aber bin ich in solch einem Moment emotional ganz besonders nah bei diesen zwei Menschen, weil ich weiß, welch eine tiefere Bedeutung die persönlichen Eheversprechen oder Ehebekenntnisse für sie haben. Denn in den Vorbereitungsgesprächen erzählen die Paare oftmals sehr viel über sich. Sie „zeigen“ sich mir. Und ihre Worte füreinander sind mit Bedacht gewählt, denn über die Verbindlichkeit des Eheversprechens, noch dazu in Anwesenheit von Familie und Freunden, sprechen wir natürlich vorher.

Wie sind Sie zu dem Beruf gekommen?

Nach dem Theologiestudium (ev. – luth.) und 1. Examen habe ich 2 Jahre in einem Kinder- und Jugendheim gearbeitet und in dieser Zeit noch mal bewusst weit über den Tellerrand geschaut, bevor ich dann auch noch das Vikariat in einer Kirchengemeinde in Norddeutschland absolvierte und abschließend das 2. Examen. Schon während meines Studiums, für das ich mich nach dem Abitur im Grunde weniger aus christlicher bzw. allgemein religiöser Motivation, denn vielmehr aus wissenschaftlichem Interesse entschieden hatte, habe ich „die Dinge gegen den Strich gebürstet“. Im Vikariat habe ich mir die Kirche und kirchlich sozialisiertes christliches Gemeindeleben quasi „ von innen“ angeschaut. Meinen Platz habe ich als nach wie vor spiritueller Mensch dort nicht sehen können, sonst hätte ich nach dem 2. Examen sicherlich gewartet, bis es irgendwann irgendwo in meiner damaligen Landeskirche eine erste Pfarrstelle für mich gegeben hätte. Also habe ich mir meinen Platz selber definiert und erarbeitet – als freie, also freischaffende Theologin und Rednerin auf dem freien Markt: Mit Trauerreden fing ich 1997 an. Schnell kamen freie Trauungen und Willkommensfeiern für Neugeborene / Kinder hinzu, damals war gerade dieses Angebot ein echtes Novum. Die vielen „Hochzeitsredner“, die sich heutzutage für freie Trauungszeremonien anbieten, gab es zu der Zeit noch gar nicht.

Wenn Sie sagen, die Arbeit als Zeremonienleiter/in ist heute Ihr Traumjob. Was ist das Schöne daran? Die vielen glücklichen Gesichter?

Das Schöne ist für mich das Erfüllende. Damit meine ich konkret: Wenn ein Paar sich erfüllt fühlt von dem, was ich in der Trauungszeremonie von ihnen und für sie zum Ausdruck bringen konnte, dann weiß ich, dass ich richtig gute Arbeit geleistet habe. Oftmals sind allerdings auch schon die Vorbereitungsgespräche „schön erfüllt“, wenn es intensiv um die Geschichte und die Persönlichkeiten des Paares geht und sie spüren, dass ich wirklich verstanden habe, wie sie leben und was sie ausmacht. Sagt ein Paar nach dem letzten Vorbereitungstreffen „Wir sind gespannt auf Deine Ansprache und freuen uns auf unsere ganz persönliche Trauung, die wir mit Dir entwickelt haben“, verdichtet sich dieser Augenblick während der Zeremonie in besonderen Momenten immer wieder zu einer sehr vertrauten und vertrauensvollen Atmosphäre zwischen dem Paar und mir. Ich glaube, genau DAS ist es auch, was aufmerksame Gäste wahrnehmen und ihnen ein glückliches Lächeln ins Gesicht zaubert – einmal mehr, wenn sie nicht nur zuhören und teilnehmen dürfen, sondern in eine Trauung auch einbezogen werden und teilhaben können (durch kleine symbolische Handlungen).

Wie sieht eine normale Begleitung bei Ihnen aus?

Nachdem ein interessiertes Hochzeitspaar sich bei mir gemeldet hat (per Mail oder Telefon) und wir den Termin der Trauungszeremonie besprochen haben, findet ein ausführliches, beratendes Kennlerngespräch statt, das kostenpflichtig ist. Bei Vertragsabschluss mit mir werden diese Kosten vom späteren Gesamthonorar selbstverständlich wieder abgezogen! Zur konkreten Vorbereitung einer individuellen freien Trauung finden mit dem Hochzeitspaar dann 2 ausführliche Vorbereitungsgespräche statt, in denen es im Wesentlichen um 3 Aspekte geht:

  1. Die Geschichte dieser beiden Menschen und ihre Erfahrungen miteinander
  2. die gemeinsame Entwicklung ihrer Trauzeremonie
  3. das Eheversprechen bzw. Ehebekenntnis
Wenn der Sohn/ die Tochter eines Nachbarn Sie nach Ihrem Beruf fragen würde, was würden Sie ihm/ihr sagen?

Da meine drei nunmehr fast erwachsenen Nachbarstöchter seit Jahren sehen, dass ich sehr oft in schwarzer bzw. dunkler Kleidung aus dem Haus gehe und dann auch wieder in heller, farbenfroher Festgarderobe, kamen sie von alleine darauf, dass ich mit traurigen und fröhlichen Anlässen zu tun habe. Und auf die Frage, was ich dann dort mache, habe ich ihnen erklärt, dass ich Reden halten, wenn jemand gestorben ist oder wenn ein Paar heiratet.

Welche Voraussetzungen müsste er/sie mitbringen?

Eine eigene, reflektierte Einstellung / Haltung zu den großen Themen des Lebens – Geburt und Tod, Liebe und Trauer – ist für mich Grundvoraussetzung. Lust und Freude an intensiven Begegnungen mit Menschen und deren Lebensgeschichten gehört ebenfalls dazu. Und , wie schon gesagt, Empathie, die auch „zwischen den Zeilen“ in den Gesprächen wahrnimmt und sich in einer Trauzeremonie (oder auch einer Trauerfeier) angemessen ausdrücken kann.

Gibt es bei den Zeremonien auch mal lustige Begebenheiten, oder ist das alles immer feierlich ernst?

Fröhlichkeit und besinnliches Innehalten, ausgelassene Momente mit lustigen Anekdoten aus dem Zusammenleben des Paares, aber auch eine Ansprache mit emotionalem Tiefgang und einem gewissen intellektuellem Anspruch und natürlich der achtsame Umgang mit den „ernsthaften“ Momenten einer Trauungszeremonie (z.B. wenn sich das Paar vor allen Gästen mit eigenen, persönlichen Worten zueinander bekennt) gehören für mich in einer freien Trauung einfach zusammen.

Fällt Ihnen eine Begebenheit bei einer freien Trauung ein, die Sie Ihr Leben lang nicht vergessen werden?

Wenn sich zu einer gelungenen Mischung aus Lachen und Innehalten während einer Trauungszeremonie unter freiem Himmel auch noch ein Mix aus sonnig – schwülem Maiwetter und sintflutartigem Regen mit Donnergroll bei tiefschwarzem Himmel hinzu gesellt, bleibt gerade so eine Trauung unvergessen! Innerhalb von wenigen Minuten hob ein heftiger Sturm das große weiße Festzelt hoch, es prasselte auf uns nieder, der Bräutigam brüllte Kommandos. Und während seine Bundeswehrfreunde gleich professionell das Zelt sicherten, flüchtete der Rest auf den Saal. Dort setzten wir die Zeremonie fort – in heiterer Runde, gut gelaunt. Denn dieser Zwischenfall passt irgendwie zum „Sturm erprobten“ Paar: Der Bräutigam ist nämlich ein kriegsversehrter Afghanistanveteran und die bis auf die Haut durchnässte und lädierte Braut die taffe, unerschütterliche Frau an seiner Seite!

Was bedeutet es Ihnen, freie Theologin / freier Theologe zu sein?

Letztlich Freiheit in meiner Arbeit – jenseits konfessioneller (institutionell – kirchlicher) Vorgaben, jenseits fester religiöser Deutungsmuster von Leben und Tod und eines dogmatisch untermauerten christlichen Verkündigungsauftrages. Aber das ist für mich schon lange nicht mehr der wichtigste Aspekt, denn nach 19 Jahren muss ich mich von alledem nicht mehr „befreien“ oder das Freisein betonen, sondern habe meinen Weg gefunden. Und als studierte Theologin würde ich diesen Weg nunmehr als spirituelle Suche beschreiben, auf der ich andere Sinn suchende Menschen auf ihrem Lebensweg punktuell begleiten darf.

[Mit diesen Fragen geben die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft freier Theologen Einblicke in Ihre Arbeit. Diese Darstellung und Beurteilung des Themas gibt die Meinung der Autorin wieder. Sie stellen nicht automatisch die Darstellung und Beurteilung eines Themas aller Mitglieder der AGFT dar.] Nehmen Sie mit Gudrun Ahlborn-Honemann Kontakt auf, wenn Sie weitere Fragen haben.

(Mit diesen Fragen geben die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft freier Theologen Einblicke in Ihre Arbeit. Nehmen Sie mit Gudrun Ahlborn-Honemann Kontakt auf, wenn Ihnen weitere Fragen auf der Zunge liegen.)

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