Gelassenheit und Energie im Hochzeitsritual

Kürzlich bei einer Hochzeitsfeier. Die Trauzeugin nimmt mich in Empfang, um letzte Details zu klären. Die Atmosphäre oszilliert in angenehmer Weise zwischen Freundlichkeit und gesapnnter Erwartung. Der Trauzeuge moderiert noch kurz den Einzug des Brautpaares an, dann schweben sie schon in einem gläsernen Aufzug nach oben.

Der Sänger intoniert das Lied zum Einzug, die bunte Schar der Trauzeugen strömt in den Raum, dann platzt plötzlich eine Woge der Euphorie durch den Raum: Das Brautpaar tanzt herein, klatscht die Gäste, alle jubeln so, dass dem eher stillen Brautpaar ganz anders wird.

Nach der Begrüßung durch das Paar und einigen einführenden Worten von mir, skizzieren die Trauzeugen im Stil der Sportschau, professionell mit mehreren ReporterInnen die Geschichte des Brautpaares. Der Saal bebt und tobt. Die Welle der Begeisterung, der ehrlichen Mitfreude, des hellen Jubels über dieses Paar und seine Liebe, ebbt nicht ab, sondern baut sich immer weiter auf. Wir alle surfen darauf, als hätten wir unser Leben lang nichts anderes getan.

Eines fügt sich zum anderen, eine wundersame Fuge bildend auf der das Paar galant nach draußen schwebt, den Aufzug nach unten nimmt und wir uns alle verwundert anschauen. Was war denn das? Wovon sind wir denn eben alle ein Teil geworden? Langsam schütteln wir den Zauber aus unseren Kleidern und gehen nach unten zur Gratuation und zum Sektempfang.

Wer immer ein Ritual geleitet, eine Feier moderiert oder durch eine Zeremonie geführt hat, die bzw. der weiß wovon ich rede: Da fließt eine untergründige, schwer zu fassende und noch unmöglicher zu beschreibende Energie, da pulst eine Gruppenerwartung wie -haltung, da formt sich eine beinahe greifbare emotionale Bühne, auf der sich dann die Feier abspielt.

Der Ort, die Art der Raumgestaltung, die Musik, der Anlass der Zeremonie, die Verfassung der Mitfeiernden, die Leiterin so eines Rituals, alles das spielt mit hinein, mischt sich, fließt zusammen, verstärkt oder behindert einander und bildet so den Untergrund und Rahmen einer jeglichen Feier. Mag das ein Geburtsfest, eine Hochzeit, ein Jubiläum oder eine Trauerfeier sein. Das Erstaunliche daran bleibt, wie verschieden sich Rituale entwickeln – bei sorgfältiger Vorbereitung und trotz wachsender Erfahrung – ohne dass dafür ein Grund zu benennen wäre.

Sicher, Du lernst mit dem oder jenem besser umzugehen, die vorherrschende Atmosphäre zu spüren, aufzugreifen und in gewissem Maße auch zu nutzen oder zumindest ein wenig umzuformen. Dennoch bleibt die Herausforderung, nie im voraus zu wissen, wie genau sich diese Feier an speziell jenem Ort entfalten mag…

… das erhält den Moderator so eines Rituals lebendig und wach, fern aller Routine oder zynischer Abgeklärtheit. Und dabei wird einem wieder und wieder eingebläut: Es hängt nicht an Dir allein! Bei aller Bedeutung der Leitungsrolle, jedes Ritual entwickelt eine Eigendynamik, ganz so, als sei es ein eigenes, lebendiges Wesen, das weder zu zähmen noch zu bändigen ist.

So wächst wie von selbst bei jenen, die regelmäßig durch Zeremonien hindurchgeleiten Gelassenheit. Mag diese Gelassenheit auch noch so klein als kaum wahrnehmbarer Keimling Wurzel schlagen, so wächst sie doch mit den Jahren zu einem Baum in dir heran, blüht und trägt Frucht. Offenheit für all das, was sich entfalten mag, jenseit aller Planung, als Geschenk – gratis.

Markus Grünling

(Die Darstellung und Beurteilung dieses Themas gibt die Meinung des Autors/ der Autorin wieder, nicht automatisch aller Mitglieder der AGFT)

(Bildrechte: Markus Grünling)

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