„Gebete“ in einer Freien Trauung? Nein und Ja …

Manchmal wünschen sich Paare oder wünscht sich die/der eine von beiden, während der freien Trauungszeremonie auch ein Gebet zu sprechen. Ich erläutere ihnen dann kurz die Bedingungen, unter denen das für mich möglich ist. Hier einmal eine etwas ausführlichere Erläuterung: „Beten“, „Gebete“ – was ist das?

„Beten“ und „Gebete“ sind spezielle Formen menschlicher Teilhabe an einer einzig bedingungslosen, einzig unverhältnismäßigen Wirksamkeit, in deren Überfluss alle universellen, irdisch-natürlichen und menschlich-geschlechtlichen Verhältnisse und Bedingungen gegründet und aufgehoben sind. Das Wissen um die Teilhabe an dieser Wirksamkeit ist allen Menschen gemeinsam. Es gründet in bedingungslos entstandenen Momenten, in denen Menschen sich selbst kurzzeitig außerhalb aller Verhältnisse und Bedingungen als maß- und haltlos überfließend, als fassungslos lebendig erleben. In den nachhaltigen Wirkungen dieser Momente nehmen Menschen diese Wirksamkeit und ihre Teilhabe an ihr als bedingungslos wohltuend und wohlwollend wahr.
Das Wissen um die Teilhabe an dieser Wirksamkeit spiegelt sich in den Wünschen nach bedingungslos wohlwollender und wohltuender Anerkennung und Erweiterung des eigenen und gemeinsamen Lebens. Diese Wünsche sind als höchste und höchst wirksame Lebenswünsche allen Menschen gemeinsam.

Im nahen oder direkten Erleben von Anfang und Ende eines ganzen Lebens sowie von „Großer Freiheit“ und von „Großer Liebe“, von bedingungslos wohlwollender und wohltuender Einzigartigkeit und Verbundenheit des ganzen eigenen Lebens wird die Teilhabe an dieser einzig bedingungslosen Wirksamkeit in besonderer Weise erfahrbar, werden das Wissen um die Teilhabe an ihr erneuert und die Wirksamkeit der höchsten Lebenswünsche erweitert und verstärkt. Vorstellungen von einzig bedingungsloser Wirksamkeit und der Teilhabe an ihr sind stets orientiert an jeweiligen Wahrnehmungen und Gestaltungen der irdischen-natürlichen Bedingungen und der menschlich-geschlechtlichen Verhältnisse untereinander. Diese Wahrnehmungen und Gestaltungen sind verschieden und veränderlich.

In Freier Trauung: Nein…

Dem Gebet liegt eine Vorstellung von einzig bedingungsloser Wirksamkeit und der Teilhabe an ihr zugrunde, die weitgehend orientiert ist an einer bestimmten, u.a. öfter „patriarchal“ genannten Wahrnehmung und Gestaltung menschlich-geschlechtlicher Verhältnisse und einer entsprechenden nah-persönlichen Kommunikation untereinander.
Diese Art der Wahrnehmung und Gestaltung menschlich-geschlechtlicher Verhältnisse, der entsprechenden Kommunikation – und damit auch die an ihnen orientierte Weise der Teilhabe an einzig bedingungsloser Wirksamkeit können in unseren Breiten schon seit längerem nicht mehr als gemeinsam vorausgesetzt werden, auch nicht bei den Teilnehmern einer Freien Trauung.
Darum kann während einer Freien Trauung auch nicht selbstverständlich und von allen Teilnehmern gemeinsam „gebetet“ werden.

… und Ja

Gebete sind aber nicht nur eine bestimmte „Glaubens-Praxis“, sondern verfasste Texte, die unabhängig von ihrem praktischen „Gebrauch“ wie andere Texte als Zeugnis menschlicher Kultur wahrgenommen, gelesen und vorgetragen werden können. Sie sind vergleichbar mit Gedichten oder besonderen Geschichten: in ihnen haben Erfahrungen, Gefühle, Stimmungen, Empfindungen, Ängste, Nöte, Befürchtungen, Wünsche und Hoffnungen, die erst einmal mehr in den Hinter- oder Untergründen des gewöhnlichen Alltagslebens auftauchten, die Form eines besonderen Selbstgesprächs oder einer verdichteten und konzentrierten Mitteilung an andere bekommen.

So wie den Text eines Gedichtes oder einer Geschichte kann ich (oder ein/e andere/r) während einer Freien Trauung auf Wunsch des Paares hin auch den Text eines Gebetes vorgetragen. Um die weitestgehende Teilhabe aller Anwesenden an der Zeremonie zu gewährleisten, bin ich (oder ist jemand anderer) dann eben „Vortragender eines Gebetstextes“ – und nicht „Vorbeter eines Gebetes“. Damit können aber die einen dennoch „beten“: den Text als ihre „Glaubenspraxis“ verwenden, ihn als Gebrauchstext nehmen und sprechen, – die anderen können ihn hören und achten als besonderen Wunsch des Paares und als Zeugnis menschlicher Kultur, in dem andere Menschen teilweise schon über Jahrhunderte in ähnlicher Weise ihre Teilhabe an einzig bedingungsloser Wirksamkeit und ihre Hoffnungen, Wünsche usw. zum Ausdruck gebracht haben.

In der Zeremonie weise ich in einem einleitenden Satz kurz auf den auslösenden Wunsch nach diesem „Gebet“ und auf die verschieden mögliche Verwendung des vorgetragenen Textes hin, z.B so: „Auf besonderen Wunsch von … sprechen oder hören wir jetzt den Text vom „Vater unser“, das als Gebet für Sie/Euch…, für einige von Ihnen und für Menschen vieler Jahrhunderte immer schon ein besonderer Ausdruck ihrer weitesten Hoffnungen und Lebenswünsche gewesen ist.“

Ihr freier Theologe Klaus Behner

(Die Darstellung und Beurteilung dieses Themas gibt die Meinung des Autors wieder. Sie stellen nicht automatisch die Darstellung und Beurteilung eines Themas aller Mitglieder der AGFT dar.)

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