Enthusiasmus – Sekt am Grab der Oma

Eingeladen zum Geburtstag eines väterlichen Freundes, schmausen wir in ausgelassener Runde mit seinen zwei Kindern, den Enkeln und einer alten Familienfreundin.

Vor weniger als einem Jahr baten mich seine Kinder hinzu, als seine Frau im Sterben lag,  mir ebenfalls über lange Jahr wie eine zweite Mutter und eine gute Freundin. Zusammen waren wir in Schlesien, wo beide herkamen und sich kennengelernt hatten. Gemeinsam hatten wir so manche Flasche Wodka und vor allem Sekt geleert, und dabei ausgiebig über das Leben, Gott und die Welt philosophiert. Nun war sie an das Ende ihres Weges gekommen, ihr Sohn und ihre Tochter ließen die Apparate in der Intensivstation abstellen, wir sprachen mit ihr, streichelten sie ein letztes mal, weinten und lachten zusammen und sahen zu, wie ihr Atem weniger und weniger wurde. Nur weil ich es ihr schon lange versprochen hatte, moderierte ich ihre Trauerfeier; wenig klug, wenn du selbst am Trauern bist. Kein Wunder, dass ich ihr Grab nie wiedergefunden hatte. Obwohl ich oft und oft auf dem Friedhof war, da und dort hinstreifte, mir gar von ihrer Tochter eine Wegbeschreibung zumailen ließ, sogar bei den Friedhofsangestellten nachgefragt hatte, alles umsonst. Es war wohl einfach zu früh.

„Jetzt müssen wir noch ans Grab unserer Mutter gehen“, beschlossen ihre Kinder zusammen mit dem Vater, „als würdigen Abschluss dieser Feier! Geht ihr mit?“ Ich schaute kurz meine Frau an, der ich von meinem vergeblichen Versuchen berichtet hatte, und wir nickten beide. „Allerdings sollten wir einen Sekt mitnehmen“ fuhr ich launig fort, „den hat sie doch immer so gerne gemocht und so wurde das früher an den Gräbern der Toten stets gehalten…“ Als wir am Friedhof aus dem Auto stiegen, kam uns die 15jährige Enkelin entgegen, in der einen Hand mehrere Pappbecher, in der anderen Hand die gekühlte Sektflasche. „Wir haben unterwegs kurz bei der Tanke gestoppt“, grinste die Tochter. Am Eingang des Friedhofs trafen wir auf einen Bekannten aus alten Tagen, der mich spöttelnd begrüßte: „Na, was machen denn Sie an einem Sonntag auf dem Friedhof?“, trafen wir uns doch sonst meist nur noch zu Beerdigungen …

Bei ihr angekommen, gossen wir vorsichtig ein paar Tropfen Sekt auf ihr Grab. Bis der Schwiegersohn sagte: “So, Schwiegermama, nun gebe ich Dir aber mal ordentlich einen aus!“, um eine ordentliche Portion auf ihr Grab zu gießen, zu unser aller Zufriedenheit. Der Rest wurde in die Becher verteilt, um dann einmütig auf sie anzustoßen, in der lächelnden Gewissheit, dass sie uns dabei zuschaute. Ihr Mann, auf seinem Rollator sitzend, hielt eine Dankesrede, wir lauschten ihm, dem Wind in den Bäumen, dem Schäumen in unseren Bechern, den Vogelstimmen, der Stimme in uns…

So knitz, vergnügt, mit überschäumendem Spaß sind noch nicht viele an einem Grab gewesen. Nicht zu vergessen ihre Enkelin, die ich insgeheim beneidete, weil sie den ersten Sekt ihres Lebens am Grab ihrer Oma öffnen durfte … Ja, wir waren nahe dran bei denen ganz zu Anfang, die das Leben feierten, noch und gerade bei ihren Toten.

Markus Grünling

(Die Darstellung und Beurteilung dieses Themas gibt die Meinung des Autors/ der Autorin wieder, nicht automatisch aller Mitglieder der AGFT)

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