El Dorado – oder woher wir kommen

Wer nach einer Schlüsselgeschichte für unser Verhältnis zur Welt insgesamt sucht, hier ist sie: El Dorado! Das ist spanisch und bedeutet übersetzt: Der Goldene.

Und so lautet die Geschichte dazu: Immer wenn die Muisca, ein Indio-Stamm im heutigen Norden von Kolumbien, einen neuen Zipa, eine Häuptling einführten, wurde der am gnazen Körper mit Lehm gesalbt, vollständig mit zerstoßenem Goldstaub eingerieben. Dann wurde er auf ein Balsaholzfloß mit vier anderen Kaziken und voller Opfergaben gesetzt. Sie fuhren hinaus auf den Guatavita-See fuhren, um dort all die goldenen Gegenstände als Opfer für die Göttin Bachués zu versenken, unter lauer Musik und Beifallgetöse des ganzen Stammes.

Diese – ebenso unglaubliche wie wahre – Geschichte, von Juan Rodrígues Freyles 1636 zu Papier gebracht, veranlasste unzählige Spanier und andere Euorpäer dazu in Südamerika nach dem „Goldland“ zu suchen. Mit jenem gierigem Flackern in den Augen, das weder Rücksicht auf ihr eigenes, geschweige denn auf das Leben der Indiokulturen vor Ort nahm. Diese Erzählung wurde zu einem Mythos, einer Gründungsgeschichte der Moderne, in deren Spuren wir heute noch segeln.

Um 1580 grub ein Spanier einen tiefen Keil in die Ufer des Guatavita-Sees, ließ damit das Wasser 20 Meter ab und fand unermessliche Reichtümer. Noch in den 1890er Jahren baute eine britische Gesellschaft 20 Jahre lang an einem breiten Tunnel, um den See komplett trockenzulegen. Noch am gleichen Tag begannen sie nach Gold zu suchen und fanden erste Kostbarkeiten. Aber schon am folgenden Tag war der Schlamm getrocknet und so hart wie Beton… Heute steht der wunderschöne See im Hochland Kolumbiens unter Naturschutz, so dass Raubrittern aller Art der Zutritt verwehrt bleibt.

Wie in einem Spiegel findet sich hier das Verhältnis des westlichen Menschen, das sich inzwischen wie eine ansteckende Seuche auf der ganzen Erde verbreitet hat, zur Welt: Gier. Gier gepaart mit der kindischen Hoffnung samt einem unerschütterlichen Glauben, wenn wir erst das Gold in der Hand haben, würden wir endlich glücklich sein. Kaum aber haben wir den See – nach unendlichen Mühen – abgelassen und die ersten glitzernde Goldstückchen eingesackt, verwandelt sich der Schlamm zu steinhartem Beton.

Die Muisca hingegen glaubten an den Zusammenhang aller Lebewesen und Dinge. Sie hatten eine systemische Sicht der Welt. Sie waren ein Volk ohne Zahlungsmittel und versenkten im See gleichermaßen Opfergaben aus Ton wie aus Gold. In ihrer Religion stand der Ausgleich eines entstandenen Ungleichgewichtes durch Gaben aller Art an die Götter im Zentrum. Ihr oberster Gott, ihr höchstes Prinzip war sozusagen die Balance. Nur nebenbei wurden sie so zu den begabtesten Goldschmieden aller Zeiten. Ob es uns heute gelingt, einen anderen Zugang zur Welt zu finden, eine bessere Geschichte als die von „El Dorado“ zur unseren zu machen?

Markus Grünling

(Die Darstellung und Beurteilung dieses Themas gibt die Meinung des Autors/ der Autorin wieder, nicht automatisch aller Mitglieder der AGFT)

(Bildrechte: Markus Grünling)

Die Kommentarfunktion ist deaktiviert.