Einladung zur „Flennes“

leere Flaschen nach einem Fest

Bei einer Trauerfeier in Bensheim – was im Hessischen bedeutet – werde ich nonchalant zur Flennes bzw. zum Flannerts eingeladen. Flennes, das Wort lasse ich mir auf der Zunge zergehen, das klingt doch endlich einmal anders als  ‚Leichenschmaus‘ oder gar  das banale ‚Trauerkaffee‘.

Als Freier Theologe teile ich mir ja vor allem die Arbeit frei ein und habe also Zeit, viel freie Zeit. Während ich als Pfarrer den Leichenschmaus wie der Teufel das Weihwasser gemieden habe, – zu viel Zeitaufwand – lerne ich nun diesen speziellen „Nachgang“ stetig mehr schätzen. Zum einen erhälst du dort, vorausgesetzt du kannst Schweigen deuten und die üblichen Komplimente einordnen, klare Rückmeldungen. Wichtiger aber sind die Seitengespräche, mit Männern vor allem, die ja dem Thema Sterben und Tod meist mehr oder weniger unbeholfen aus dem Weg zu gehen versuchen. Da entwickeln sich oft Gespräche in ungeahnte Tiefen mit engen Angehörigen wie völlig Fremden.

Nun sitze ich am Tisch der Arbeiter, der Verstorbene hatte eine eigene Firma. Zuhören ist eine vergessene Kunst. „Ich bin de Schorsch! Isch sag Du zu Dir!“ – „Gerne, ich bin der Markus!“ „Also, ich war 27, da hat man mich gefragt, weil einer der Männer ausfiel, ob ich nicht bereit wäre, als Sargträger mitzuhelfen.“ Er spricht seinen hessischen Dialekt, stammt aus dem Odenwald, so dass ich Ohren und Augen spitze, um ja nichts zu verpassen …

„Nach dem Begräbnis wurden wir Sargträger in ein extra Restaurant geladen, um dort ausgiebig auf den Toten zu essen und zu trinken, da wir ja nicht zur eigentlichen Trauergesellschaft gehörten.“ Seine Augen blitzen vergnügt, während er beim Erzählen geniesserisch in diese Tage versinkt. Er ist pensioniert, vielleicht Ende 60 oder anfang 70, es war also in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts.

„Das wurde vielleicht ein lustiges und ausgelassenes Fest. Wir haben so lange gefeiert, bis der Wirt die Kaschemme dicht gemacht hat. Dann sind wir über ein paar Stacheldrahtzäune gewankt, was die ein oder andere Hose gekostet hat.“ Er schiebt gekonnt vor den Höhepunkt seiner Geschichte eine Kunstpause. „Am nächsten Tag also ruft mich der Sohn des Verstorbenen an: Schorsch, kann des soi, dass ihr 17 Flosche Woi getrunke habt, mehr als die ganze Trauergesellschaft zusammen? – – – –  Ha jo, des ka scho sei!“

Gelächter in der Runde, während wir an unserem Wasser nippen, Kaffee aus der Kanne schlürfen, an einem Stück Kuchen oder einem Wurstweck kauen. Siebzehn Flaschen Wein zu sechst – was für goldene Zeiten! Mir stiehlt sich ein Grinsen ins Gesicht im Bewusstsein, dass das uralte Ritual nach einem Begräbnis zu Ehren des Toten wie zur Wiedereingliederung der Angehörigen ins  Leben kräftig zu essen und zu trinken, regelmäßig in wilde Gelage ausuferte. Das war auch noch in den ersten vier Jahrhunderten des Christentums so, wie wir aus den Schriften  der Kirchenmütter bzw. – väter wissen. Erst in letzter Zeit wurde versucht das wilde Totenmahl mehr und mehr durch Kaffee und Kuchen bürgerlich einzuhegen.

Bei meiner eigenen Beerdigung, das ist schon länger so besprochen, wird es im Sommer klasse Sekt, im Winter jedoch reichlich guten Rotwein am Grab geben. Und anschließend hoffentlich ein wildes, überbordendes Fest, bei dem auf den Tischen getanzt und darunter übernachtet wird, mit manch‘ unglaublicher Geschichte, mit Tränen, Gitarrenspiel und lautem Gelächter! Ein Gelage also, das sich gewaschen hat, um allen zu zeigen: Hoppla, wir leben noch!

Markus Grünling

(Die Darstellung und Beurteilung dieses Themas gibt die Meinung des Autors/ der Autorin wieder, nicht automatisch aller Mitglieder der AGFT)

(Bildrechte: Markus Grünling)

 

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