Die Traurede – mehr als eine Nacherzählung

Paaren, die sich eine Freie Trauung wünschen, ist eine persönliche Traurede im Rahmen ihrer Hochzeitszeremonie sehr wichtig. Damit sich Braut und Bräutigam in dieser wiedererkennen  können, ist mehr nötig, als Namen, Zahlen und Ereignisse aufzuzählen.

Die Traurede, also die Ansprache während der Trauung, ist für viele Paaren neben dem Ja-Wort einer der wichtigste Punkte der Zeremonie. Hier soll es um ihre Geschichte gehen, um das, was ihr Paar-Sein, ihr Miteinander ausmacht, um den ganz individuellen Weg, den jedes Paar zurückgelegt hat. Will ich diesem Wunsch nach einer individuellen Hochzeitsrede gerecht werden, gehört dazu mehr, als das bloße Wiedergeben von Daten und Fakten. Die kennt das Paar ja bereits und auch viele der Gäste.

Zwischen den Zeilen lesen

Es geht vielmehr darum, „zwischen den Zeilen“ zu hören – oder zu lesen. Tatsächlich, lasse ich mir gerne im Vorfeld vom Brautpaar ein paar Stichpunkte aufschreiben. Dadurch kann ich mich selbst ein Stück weit auf das sich dann anschließende Treffen vorbereiten und einstimmen, und das Paar kann ebenfalls schon einmal überlegen, welche Punkte aus ihrer gemeinsamen Geschichte es ansprechen will – und welche vielleicht auch nicht. Zu den Aufzeichnungen der Paare mache ich mir Notizen und male Fragezeichen an den Rand, wo ich etwas nicht verstehe oder nachfragen will.

Der eigentliche Austausch passiert dann natürlich im persönlichen Gespräch. Jetzt kommt es darauf an, genau hinzuhören, zu fragen und zu entdecken:

  • Was ist das Besondere, Einzigartige gerade dieser Liebesgeschichte?
  • Was unterscheidet sie von anderen?
  • Gibt es ein Thema, dass immer wieder auftaucht, ein roter Faden, der sich durch alles zieht?
  • Welche großen und kleinen Herausforderungen hat es auf seinem gemeinsamen Weg vielleicht bewältigt?
  • Wie hat sich die Beziehung entwickelt vom ersten aufregenden Date bis zu dem Entschluss: „Wir wollen uns die Ehe versprechen und heiraten“?

Das sind für mich die eigentlich spannenden Themen, denen ich mich gerne ausführlich widme.

Die Bedeutung der Fakten

Natürlich ist am Ende jede Traurede immer auch ein Stück Interpretation, wobei die Interpretierenden zum einen Braut und Bräutigam sind und zum anderen ich als Freie Theologin. Das Leben eines jeden Menschen ist ja nicht nur die Summe dessen, was ihm widerfährt und was er erlebt hat. Sondern es ist mindestens genauso das Ergebnis der Be-deutung, die er dem Erlebten gibt und seinem daraus resultierenden Umgang damit. Die Art, wie das Paar von seiner Geschichte erzählt ist von daher mindestens genauso aufschlussreich, wie das was es erzählt.

Die Traurede als Mosaikbild

Vielleicht lässt sich das Schreiben einer Traurede auch mit dem Zusammenstellen eines Mosaiks vergleichen. Ich bekomme vom Brautpaar viele Steinchen in ganz unterschiedlichen Farben und Formen und setzte sie nach meinem Gutdünken zusammen – in der Hoffnung, dass das Paar sich am Ende in dem neu entstandenen Bild wiederfindet oder vielleicht sogar einen neuen Blick auf sich selbst bekommt. Eine spannende Arbeit, die mein Leben sehr bereichert.

(Die Darstellung und Beurteilung dieses Themas gibt die Meinung des Autors/ der Autorin wieder, nicht automatisch aller Mitglieder der AGFT)

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