Die Elbphilharmonie oder von der Komposition einer Rede

Wir fahren gemütlich durch die halbe Republik zum runden Geburtstag einer Kollegin. Bei der Einfahrt in die Hansestadt schimmert das Licht golden gegen den ultramarinblauen Abendhimmel. Selbstredend geben wir auf ihrer Fête einen Rapp wie zwei Lieder zum besten, begleitet von einem Freund an der Gitarre. Er berichtet mit vor Begeisterung glitzenden Augen, dass er nun den Satz der Philosophen „Übung ermögliche Freiheit“ verstehe, da er den Song so lange geübt habe, bis er den Text dazu locker hinzufügen konnte.


Am darauffolgenden Spätnachmittag wandeln wir mehr oder weniger mäandernd vom Hauptbahnhof durch die abenddunklen Gassen zum Elbufer. Dennoch einigermaßen zeitig dort eintreffend, entschließen wir uns, die Einführung in das Konzert im kleinen Saal der Elbphilharmonie anzuhören. Anlässlich des hundertjährigen Bestehens von Polen spielt ein junges Quartett Stücke berühmter Komponisten ihres Landes. Schon stehen sie in ihren quadratisch gemusterten Anzügen vorne auf der kahlen Bühne. Daneben jemanden, der behutsam und eindringlich, immer wieder von Hörbeispielen unterbrochen, in Geschichte, Hintergrund und Art der sehr verschiedenen Komponisten einführt.

Er erzählt von einem Komponisten, der anfangs im Rahmen der Zwölftonmusik komponierte, dann aber auf John Cage traf. Wie der in einem Anzug auf die Bühne trat, sich verneigte, um sich dann unter den Flügel zu setzen, dort nach 4,21 min wieder hervorkam, sich abermals verneigte und dann die Bühne verließ. Während viele die Köpfe schüttelten, fiel bei Lutoslawski der Groschen: statt wie bisher, eher mechanisch-mathematisch zu komponieren, lässt sich auch mit größerer Freiheit der Musiker, unter geplantem Einsatz des Zufalls komponieren! Von einem seiner ersten Konzerte mit diesem Ansatz, das in Stockholm aufgeführt wurde, wird folgende Anektdote überliefert. Zu Beginn hat der Streicher vier Noten so lange zu wiederholen, bis es im Publikum ruhig wird, dann erst stimmen nach und nach die anderen ein. In Stockholm nun gab es in der Philharmonie einen kühlen Marmorboden. Der Streicher begann mit seinen vier Tönen, als die Tür aufging und eine Frau auf hohen Absätzen bis ganz vorne auf ihren Platz stöckelte. Bis dahin hatte der Streicher die Töne 35 mal wiederholt. Die muss doch bestellt gewesen sein, so der Tenor des Quartetts, jedenfalls fügte sich dieser Zwischenfall ganz in den Sinn des Erfinders.

Unsere Vorfreude auf das Konzert erhöht sich um eine weitere Stufe. Beim Ein- und Versinken in diese musikalischen Welten, zogen mir immer mal wieder, gewisse Ähnlichkeiten zwischen der Musik und dem Verfassen einer Rede durch den Sinn. So ist das, was hier zu lesen steht, eine Antwort auf jene beiden Abende, so wie ja jede gute Rede keinen Schlusspunkt darstellen will, sondern eine Antwort, ein weiteres Wort in einem umgreifenden Dialog über Zeit und Raum. Was also braucht es für eine Rede, die ähnlich wie Musik die Seele der Zuhörer zu streicheln vermag?

  • Ganz sicher, so erstaunlich es sich für eine Rede zuerst auch anfühlen mag, die Fähigkeit zuzuhören. Das Vermögen gesammelt, präsent da zu sein.
  • Zum anderen Muße und Zeit, um die Eindrücke in aller Ruhe auf sich wirken zu lassen. Worte und die Stille zwischen den Worten; die Mimik und den Ort; die Beziehung zwischen den Trauernden, Paaren oder Eltern.
  • Bis sich dann – oft über Nacht und wie von alleine – ein Bild, eine Idee, ein Leitsatz, ein Faden, an dem sich die Rede aufrollen lässt, einstellt.
  • Schließlich Mut zu einer aleatorischen Vorgehenweise. Will sagen Namen, Daten, Inhalte, gewisse Formulierungen und verschiedene Gelenkstellen so oft leise und laut wiederholen, bis sie sich eingeprägt haben. Um dann aus dem Moment heraus, im Kontakt, aus der Offenheit für die Anwesenden die Rede frei entstehen zu lassen. Vorbereitet, eingeübt und zugleich spontan, als sich entwickelnde Antwort auf das, was einem begegnet.

„Machen“ in einem technischen Sinn, lässt sich so etwas nicht, so wenig wie eine Begegnung. Eine gelungene Rede ergibt sich als Zusammenspiel einer Person mit der Situation und dem Raum, in den sie sich hineinbegibt, mit all den Emotionen, Stimmungen und Menschen, auf die sie mit ihren Worten – ohne je genau erklären zu können wie – reagiert. Dies offene hin und her fügt die Fuge einer Rede, rundet ihre Komposition ab, so dass sie übers Ohr ins Herz der Zuhörer zu gelangen vermag…

Übung also, Präsenz, Offenheit und Mut sind die Instrumente, die eine Rede zum Schwingen bringen. Mit der Zeit lässt sich auf die Erfahrung aufbauen, dass sich die Worte ergeben, wie sie es jetzt und hier gerade sollen und wollen. Die richtige Mischung zwischen exakter Vorbereitung und dem Spiel der Freiheit machen eine Ansprache einmalig, unwiederholbar und hüllen die ZuhörerInnen ein in ein samten schimmerndes, warmes Himmelblau.

Markus Grünling

(Die Darstellung und Beurteilung dieses Themas gibt die Meinung des Autors/ der Autorin wieder, nicht automatisch aller Mitglieder der AGFT)

(Bildrechte: Markus Grünling)

Die Kommentarfunktion ist deaktiviert.