Das Totenschiff

Boot auf Steinen

Ein weißes Leinenboot zieht durch meine Träume. Leer wiegt es sich auf den Wellen, wenn die Sonne es wärmt, duftet es sacht nach Bienenwachs. Der Bug leicht erhöht, wie bei einem Kanu.

Eine Totenbarke, treibend über gähnenden Untiefen. Ohne Besatzung, verloren in den Weiten der Finsternis. Zerbrechlich, verletzlich, fragil. Dünne Haut über Kupfergerippe. Heller Kork auf schwarzem Abschaum. Lichtfleck im trüben Herbst. Totenschiff, das in den grauen Novemberttagen immer mal wieder auf lavadunklen Grund stößt.

Erst beim näheren Betrachten entbirgt sich das Kunstwerk von Lynn Schoene. Die Bootswand besteht aus Herrenhemden. Deutlich zu erkennen sind Krägen, Ärmel, Knöpfe hier und da. Immer wieder, über und über, geduldig, kontemplativ mit mehreren Lagen Bienenwachs verstrichen. Hemden, die in Bangladesch hergestellt wurden. Billig. Unter unwürdigen Bedingungen. Du siehst die Arbeiterinnen nicht. Selbst die kurzen Meldungen über ihren Tod in brennenden Fabriken versinken binnen kurzem unter der Flut der Nachrichten. Du siehst all die toten Geflüchteten nicht, die auf der Suche nach einem besseren Leben im Mittelmeer versunken sind – Kinder, Frauen, Männer…

Das Weiß des Live-boats täuscht. Es gemahnt an das Weiß ausgebleichter Knochen, an die Abwesenheit von Farbe. Es erinnert an uralten Mythen, die von einem Grenzfluß erzählen, der das Land der Lebenden von dem der Toten trennt. Nur mit einem Schiff lässt sich übersetzen. Einer zerbrechlichen Barke. Bild für unsere Erinnerungen, die mit den Jahren verblassen, ausdünnen, bleich werden? Dennoch existiert eine Verbindung zu den Toten. Die Wand zwischen uns und ihnen ist dünn, transparent, durchscheinend. Wie in den traditionellen japanischen Häusern mit papiernen Wände. Mehr noch, die Verbindung ist organisch, lebendig, wie aus Zellen. Eine Osmose, ein innerer Austausch geschieht, oft ohne unser Wissen.

Eine helle Barke fährt herüber und hinüber, fragil, verwundbar, duftend nach Sommer, nach Honig nach Wärme…

 

Informationen zu Lynn Schoene und das Bild des Kunstwerkes hier

Markus Grünling

(Die Darstellung und Beurteilung dieses Themas gibt die Meinung des Autors/ der Autorin wieder, nicht automatisch aller Mitglieder der AGFT)

Bild: varun_maharaj / pixabay

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