Christiane Linke: Ich bin freie Theologin – mein Traumberuf

Christiane Linke begleitet Brautpaare in freien Zeremonien. Was reizt sie an dieser Arbeit? Und wie ist das, wenn man regelmäßig den unterschiedlichsten Paaren hilft, den Bund fürs Leben zu schließen?

Sie sind seit fast 6 Jahren als freie Theologin tätig. Ist Zeremonienleiterin Ihr Traumjob?

Ja, so könnte man es nennen. (lacht) Es ist auf alle Fälle eine Arbeit, die mich ungemein befriedigt, die ich von Herzen gern tue. Das liegt auch daran, dass in diese Arbeit so ziemlich alles mit einfließt, was ich im Leben gelernt und erfahren habe.

Was ist das für eine Stimmung, wenn man vor den Paaren steht, die sich ein Eheversprechen geben?

Für mich ist das eine existenzielle Situation. Ein Moment, in dem es für die Paare um etwas Wesentliches in ihrem Leben geht. Ich fühle mich geehrt, dabei sein zu dürfen. Und ich fühle mich den Paaren und auch dem Leben tief verbunden.

Wie sind Sie zu dem Beruf gekommen?

Ein bisschen wie die Jungfrau zum Kinde. (lacht) Nicht ich habe den Beruf gefunden, er hat mich gefunden. Ich bin Ende 2008 mit meiner Familie von Berlin an den Bodensee gezogen. Das war ein Neuanfang in so ziemlich jeder Hinsicht. Ich habe im Internet nach Möglichkeiten gesucht, in meiner neuen Heimat als Trauerrednerin zu arbeiten. Dabei bin ich auf die Seite der Arbeitsgemeinschaft Freier Theologen gestoßen. Und habe mit Freude festgestellt, dass es ein „richtiger“ Beruf ist, was ich bisher nur für Freunde und Bekannte gemacht habe: Zeremonien zu gestalten für Anlässe, die nichts mit dem Tod zu tun haben.

Wenn Sie sagen, die Arbeit als Zeremonienleiterin ist heute Ihr Traumjob. Was ist das Schöne daran? Die vielen glücklichen Gesichter?

Wenn Sie so wollen, ja. Weil sie auch daher kommen, dass die Trauungen sehr individuelle und persönliche Zeremonien sind. Ich kann mir die Zeit nehmen, ein Paar in Ruhe kennenzulernen. Es erkennt sich dann in der Zeremonie wieder – und die Gäste erfahren oft viel über das Paar, was sie vorher noch nicht so wussten. Ich gestehe, ich liebe die oft positiv überraschten Reaktionen mancher Gäste unmittelbar nach der Zeremonie: „So etwas haben wir noch nie erlebt. Das war viel mehr, als wir erwartet haben.“ (lacht)

Wie sieht eine normale Begleitung bei Ihnen aus?

Das Paar kommt zunächst für ein knappes Stündchen zum kostenlosen und unverbindlichen gegenseitigen Beschnuppern zu mir. Nach der Buchung gibt es in der Regel zwei ausführliche Gespräche. In dem einen Gespräch geht es eher um den Ablauf. In dem anderen dann mehr um das Paar und seine Liebesgeschichte. Zwischendurch bleiben wir per Mail und Telefon in Kontakt. Und ich nehme Kontakt auf zu allen anderen, die zu der Trauung etwas beitragen. Etwa eine Woche vor der Trauung teilen wir per Telefon die zunehmende Aufregung und besprechen letzte Dinge. Am Tag der Trauung bin ich wenigstens eine Stunde vorher da, um zu sehen, ob alles gut vorbereitet ist. Dann ist auch noch Zeit, um die anderen Mitwirkenden kurz auch persönlich kennenzulernen.

Wenn der Sohn/ die Tochter eines Nachbarn Sie nach Ihrem Beruf fragen würde, was würden Sie ihm/ihr sagen?

Ich gestalte konfessionsübergreifend Zeremonien zu Anlässen wie Geburt, Hochzeit und Tod. Aber auch zu anderen Anlässen, zu denen man sich eine Zeremonie wünscht: Bei einem runden Geburtstag. Oder anlässlich einer Hauseinweihung, der Pensionierung oder eines für einen besonders wichtigen Gedenktages.

Welche Voraussetzungen müsste er/sie für Ihren Beruf mitbringen?

So, wie ich ihn ausübe: Die Fähigkeit, genau zuzuhören, sich in andere einfühlen und passende Fragen stellen zu können. Die Fähigkeit, eigene Gefühle und die anderer Menschen mit Worten und Symbolhandlungen ausdrücken zu können – auch vor vielen Menschen. Liebe und Leidenschaft für die Einzigartigkeit eines jeden Menschen. Dazu jede Menge Hintergrundwissen aus eigentlich sehr vielen Bereichen: Religion, Theologie, Philosophie, Psychologie, Literatur, Rhetorik, Eventmanagement. Wissen über andere Länder und deren Sitten …

Nicht zu vergessen das Rüstzeug, das alle Freiberufler brauchen: Die Fähigkeit, sich selbst zu motivieren, bekanntzumachen und zu organisieren, um termingerecht und ohne gestresst zu wirken Zeremonien leiten zu können.

Gibt es bei den Zeremonien auch mal lustige Begebenheiten, oder ist das alles immer feierlich ernst?

Also, bei meinen Zeremonien wird viel gelacht. Das wollen die meisten Paare auch ausdrücklich so. Aber es gibt auch immer mal Unvorhergesehenes, das für Heiterkeit sorgt und das man spontan in die Zeremonie einbauen muss: Ich erinnere mich an einen kleinen Jungen, der sich nicht davon abhalten ließ, mitten in der Zeremonie dem Paar ganz ernst und feierlich ein Tütchen mit Gummibärchen zu überreichen.

Fällt Ihnen eine Begebenheit bei einer freien Trauung ein, die Sie Ihr Leben lang nicht vergessen werden?

Bei einer Trauung hielten sich der Bräutigam und sein Trauzeuge minutenlang weinend im Arm, weil ihnen bewusst wurde, wie viel ihnen ihre jahrzehntelange Freundschaft bedeutet und wie sehr der Trauzeuge dem Bräutigam nach einigen Tiefschlägen im Leben sein Liebesglück gönnte. Das war für alle sehr bewegend.

Was bedeutet es Ihnen freie Theologin zu sein?

Ich kann Menschen in wichtigen Momenten ihres Lebens begleiten. Ich kann mit ihnen gemeinsam ergründen, was sie trägt und wonach sie sich auf einer tieferen Ebene sehnen. Ich kann das mit ihnen und auch stellvertretend für sie ausdrücken, ohne mich an den manchmal zu engen und zu starren Regeln und Grenzen von Institutionen und (Glaubens)Gemeinschaften stoßen zu müssen.

(Mit diesen Fragen geben die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft freier Theologen Einblicke in Ihre Arbeit. Nehmen Sie mit Christiane Linke Kontakt auf, wenn Ihnen weitere Fragen auf der Zunge liegen.)

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