Casting für Hochzeitsredner

Früher bekamen Brautpaare einen Eindruck auf der Webseite, man telefonierte und steckte ein paar Eckpunkte ab, die Stimme klang sympathisch, man verabredete einen Termin für das erste Gespräch. Heute: viele Mailanfragen, man schickt die Infos hin – und hört nie wieder etwas von dem Brautpaar. Nicht mal ein „Danke für die Infos“. Kennenlerngespräche sind obligatorisch geworden. Brautpaare klappern fünf, sechs Rednerinnen und Redner in der Region ab.

Kennenlerngespräche machen Sinn. Sie dienen dazu, zu prüfen „ob die Chemie“ stimmt. Die Veränderungen in der Ahnbahnung eines Auftrags wird vermutlich nur sehen, wer schon etwas länger freie Trauungen begleitet. Denn in den letzten Jahren geht der Trend eindeutig zu mehr Kennenlerngesprächen pro Brautpaar. Damit verbunden sind mehr Kennenlerngespräche für Zeremonienleiter, bei denen der Prozentsatz der Buchungen dann abnimmt. Nicht mehr ein Redner, eine Rednerin, die eine interessante Webseite hat und irgendwie sympathisch ist wird kontaktiert und bei Gefallen gebucht, sondern gleich alle ringsum in einer Region. Vielleicht ist das aber auch notwendig, wenn man sich die Inflation der Anbieter zu so anschaut. Woher sollen die Brautpaare die Unterscheidungskriterien haben, wenn nicht durch eine persönliche Begegnung.

Unterschiedliche Rahmenbedingunen für das Kennenlernen

Manche nehmen für das Kennenlernen 50 € pro Treffen. Die werden bei Buchung mit dem Gesamtpreis verrechnet. Immerhin blockiert man sich einen Termin im Kalender. Vorzugsweise später Nachmittag, früher Abend oder samstags, denn die jungen Paare sind in der Regel berufstätig. Zudem bekommen die Paare schon erste Hinweise, wie sie ihre Zeremonie gestalten können. Das ist Fachwissen, das etwas Wert ist.

Andere haben Angst, dass eine Bezahlung für den ersten unverbindlichen Termin, Brautpaare abschreckt und machen es kostenlos. Kostenfrei für den Redner, die Rednerin ist es ja nicht, sie investieren ihre Zeit und bewirten die Gäste. Sie sehen es als Investition in neue Aufträge, so wie man in die eigene Webseite und passende Klamotten für die Trauzeremonie investiert. Wer sich hier nicht gut abgrenzen kann, gibt und gibt und gibt und verabschiedet die Gäste nach eineinhalb Stunden, die dankbar sind für die vielen guten Informationen, und dann bei einem anderen Anbieter buchen, der 100 € günstiger ist. Dann loggen sie sich bei Facebook ein und lassen sich in den entsprechenden Gruppen über die undankbaren Brautpaare aus, mal im Jammton, mal gehässig. Nur weil sie selbst nicht fähig sind, vorher klare Regeln für das Kennenlerngespräch festzulegen und es den Brautpaaren auch zu kommunizieren.

Wenn man also das Kennenlernen für die Brautpaare kostenlos sein soll, dann ist es sinnvoll das erste Gespräch zu begrenzen. Eine halbe, dreiviertel Stunde sollte reichen, um einen persönlichen Eindruck zu erhalten, den Ablauf der Vorbereitungen für eine Zeremonie zu besprechen, und offene Fragen zu diesem Punkt zu klären. Was nicht in das Kennenlernen gehört, sind Details zur Zeremonie, Ablaufpläne, Text- oder Liedvorschläge etc. Das ist inhaltliche Fachkompetenz und Teil der späteren Begleitung.

Schon viele Läden haben dicht gemacht, weil die Leute viel fragen, aber nicht kaufen

Im Einzelhandel kennt man das schon seit längerem. Den Fahrradladen, in dem ich bestens beraten wurde und mein Rennrad gekauft habe, gibt es nicht mehr. Als Abschied steht auf der Webseite „Das Kaufverhalten hat sich völlig verändert. Immer mehr Leute missbrauchen den kompetenten Fachhandel als Gratisauskunftei. Immer schon gab es Geizkragen und immer Vernunftbegabte, aber jetzt erleben wir eine Verschiebung der Proportionen“. Diese Verschiebung der Proportionen erlebe ich auch bei den freien Trauungen. Hier sollte sich jeder Anbieter fragen, ob er in der „Umsonst“-Kultur mitmachen will oder klarmacht, wozu ein Kennenlernen dient: dem Kennenlernen.

Ich bin durchaus der Meinung, dass ein Gespräch zum Kennenlernen Sinn macht. Das Brautpaar will herausfinden, ober der Redner, die Rednerin sympathisch ist und zu den eigenen Vorstellungen passt. Allerdings klappern manche Brautpaare mehrere Traurednerinnen und Hochzeitsredner, freie Ritualdesigner, Trautanten und -onkels, Verheirater, Zeremonienleiter und Freie Theologen ab und machen ein Casting daraus. Die Rolle „Zeremonienleiter“ im Drehbuch der Freien Trauung ist zu besetzen. Die Interessenten dürfen Vorsprechen, manche kommen in die engere Auswahl. Glücklich darf sein, wer den Job bekommt. Vielleicht kommt diese Denke in den Kontakt zwischen Anbieter und heiratswilligem Paar hinein, weil viele den Unterschied zwischen Hochzeitsevent und Hochzeitsritual nicht mehr kennen. Aber das ist ein anderes Thema.

Birgit Aurelia Janetzky

(Die Darstellung und Beurteilung dieses Themas gibt die Meinung des Autors/ der Autorin wieder, nicht automatisch aller Mitglieder der AGFT)

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