Buchbesprechung zu Thomas Glavinics Roman „Das größere Wunder“

Stein Spiegelung

Durch die Hand einer Freundin wurde der Roman von Thomas Glavinic  zufällig an meinen sommerlichen Lesestrand angespült. Und warf Wellen… „Antworten werden überschätzt“, heißt ein Satz, der dir bleibt.  Ein durchgehendes Motiv in diesem – ja was eigentlich? – Liebes-, Schelmen-, Geschichtenerzähler- , philosophischen und/oder ironisch-zeitkritischem  Roman. Das alles und noch einiges darüber hinaus, lässt sich in diesem facettenreichen Werk entdecken.

Ein virtuoses Spiel mit verschiedenen Bedeutungsebenen, hinter- wie vordergründigem Humor, blinkender Ironie, Banalitäten und Tiefgründigem, noch der Sprachstil wild gemischt – von kitschig bis genial. Die Geschichte kreist um einen gewissen Jonas und dessen unerbittlichen Suche nach mehr, nach dem ‚Anderen“ nach dem ‚größeren Wunder‘. In einem äußerlich mit überbordendem Reichtum und innerlich mit unglaublichen Begabungen prall gefülltem Leben – fehlt das ‚eine Not-Wendende‘.

Der Plot lässt sich flugs skizzieren: Auf einer Tour hinauf zum Gipfel des Mount Everest, die mit stupender Genauigkeit und bissiger Ironie detailreich geschildert wird, erinnert sich der Protagonist des Romans in den vielen unfreiwilligen Pausen beim Tee trinken, Frieren, von Übelkeit und Kopfschmerzen geplagt zurück an sein Leben.

Was hat er nicht alles ausprobiert auf seiner Jagd nach dem Größeren: Todesverachtende Stunts, jahrelanges Sich-Einschließen in eine Wohnung, Affären aller Art, eine eigene Insel samt Segelyacht in der Karibik, ein mehrstöckiges Baumhaus in den Wäldern Norwegens, Drogen, die Errichtung einen eigenen Museums zur Erinnerung seiner ‚besonderen Momente‘, Flüge rund um die Erde in so gut wie jedes Land; nur um ungesättigt, verwirrt und verloren zurückzubleiben. Nun also als letzten Versuch, wie stets – als extra Kick – nah am Tod, hinauf auf den höchsten Gipfel, koste es, was es wolle… Eine solipsistische Suche, schmerzverzerrt um sich kreisend.

Einmal, am Strand, Jonas lernt gerade mit einer Freundin das Surfen, kniet er für zwei Stunden an der Brandungsgrenze im Meer, um die Wucht der Wellen zu erlernen. Dort umspült ihn unerwartet eine Resonanz: Eine Einheitserfahrung verbindet ihn mit der Kraft der Wellen, mit der unendlichen Bewegung des Meeres, ja mit einem ‚Umgreifenden‘. Natürlich kostet das seinen Preis. Einen unbarmherzigen Sonnenbrand, der ihn für zwei Tage ins Bett wirft. Einen Preis, den er gerne dafür bezahlt.

Was sich in Passagen wie eine moderne Don Quijotterie liest, entwickelt nicht unähnlich diesem Urahn europäischer Literatur, vielfältige Bezugspunkte. Zum einen eine punktgenaue, ironisch-präzise Schilderung unserer gegenwärtigen Kultur: Mit viel Aufwand auf der Suche nach dem besonderen, einzigartigen Moment, nach einem letzten Sinn in und hinter all dem. Wer wäre nicht schon einmal um die halbe Welt gejettet, um danach recht unverändert wieder bei sich zu landen? Dazu der enorme Aufwand an Ressourcen, die Verschwendung von Geld, Energie, Umwelt nur, ja nur um diese Suche nach „mehr“ immer weiter voranzutreiben, in jedwede Dimension. Samt der Gedanken- bis Rücksichtslosigkeit, die mit unserem Lebensstil, der buchstäblich über Leichen klettert, einhergeht.

Dem Theologen zieht dabei unweigerlich ein Satz aus dem Proslogion des Anselm von Canterbury durch den Sinn, in dem Gott als das bezeichnet wird, „worüber hinaus Größeres nicht gedacht werden kann“ – „id, quo maius cogitari non potest“. Ein clever – humorvoller Ansatz: Da sich „Gott“ nicht de-finieren, sprich eingrenzen lässt, sonst wäre sie nichts als „ein Ding unter anderen Dingen“, verwendet Anselm einen Relationsbegriff –  Gott als das „je größere“.

Bei der atemlosen Hatz nach dem „größeren Wunder“, kommt einem eine andere Sentenz von Berthold Brecht in den Sinn, denkbar unverdächtig jedweder religiöser Konnotation: „Alle rennen nach dem Glück. Das Glück rennt hinterher.“ Das war seit jeher die List der Verfolgten.

Kurz um, der Roman umschreibt vielfältig schillernd die explodierende Sinnsuche in einer materiell übersättigten Gesellschaft, die ironischerweise nun auch noch der existenziellen Leere den Garaus zu machen versucht, unter dem Einsatz aller materiellen wie körperlichen Ressourcen.

Ein grandioses Schelmenstück, ein bittersüßer Liebesroman, eine fantastische Abrechnung, eine brillante Analyse, eine ironisch gebrochene Suche, dazu hinreißend erzählt, ungeniert sämtliche Stilmittel plündernd. Nicht allein für (freie) Theologen am sommerlichen Strand oder am winterlichen Kamin sei dieser Irrwisch eines Romans ans pochende Herz gelegt!

Markus Grünling

(Die Darstellung und Beurteilung dieses Themas gibt die Meinung des Autors/ der Autorin wieder, nicht automatisch aller Mitglieder der AGFT)

(Bildrechte: Markus Grünling)

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