Buchbesprechung: Unorthodox

Was kann man bzw. frau in dieser sich anscheinend endlos hinziehenden Pandemie besseres  tun als lesen? Lesen weder als Ablenkung noch Flucht, sondern als Wachwerden und Standhalten. Denn >Träume haben Drachenzähne<, wie es ein chinesisches Sprichwort treffend beschreibt.

Nach der Lektüre des Buches „An einem Tisch“ mit phantastisch jüdisch-christlich-islamischen Rezepten regte sich der Wunsch ein Buch auf jiddisch zu lesen, Und schon wurde ‚Unorthodox‘ von Deborah Feldman an meinen „Strand gespült“. Eine Freundin mit zwei Exemplaren trat mir lächelnd eines davon ab.

Drei biographische Haftpunkte verschränken mich mit dieser autobiographischen Erzählung. Bei einem Studienjahr in Granada traf ich Joe, Nachfahre der Shoah knapp entronnener Juden in den USA. Aus ein paar Brocken jiddisch und meinem Badisch begann er innerhalb kurzer Zeit fließend deutsch zu sprechen. Meine Befangenheit ihm gegenüber war kleiner als die Neugier auf „seinen ersten Deutschen“, trotz der üblen Erfahrungen seiner Vorfahren. Der Ursprung der jiddischen Sprache liegt in der Kurpfalz, wo sich im Mittelalter in den Schumstädten – in Speyer, Worms und Mainz – eine blühende jüdische Kultur entwickelt hatte. Hier vermischte sich das damalige Idiom mit dem Hebräischen und wurde durch die Pogrome im Gefolge der Pest bzw. der Kreuzzüge in ganz Osteuropa verbreitet.

Deborah Feldman berichtet in sachlich-lakonischen Sprache von ihrer Kindheit, Jugend und dem Erwachsenen-werden bei den ‚Satmarer Chassidim‘ in einem Viertel, beinahe ist man geneigt ‚Schtetl‘ New Yorks zu sagen. Geprägt wird diese Gruppe von der Shoah, dem knappen Entkommen samt dem fortwährenden Trauma, das in der Frage gipfelt, wie Gott so etwas zulassen konnte? Etwas musste furchtbar falsch gelaufen sein, Schuld sich angehäuft haben vor Seinen Augen. Also gehe es darum, durch ein immer strengeres Leben nach den Geboten – und den sich ständig steigernden Weisungen des charismatischen Rabbis – Gottes Gefallen neu zu finden.

Parallelen zu christlichen Täufergemeinschaften in den Staaten, die ebenfalls nur um Haaresbreite den Religionskriegen der Reformationszeit entkommen sind, und seither über den Erdball irren, tief davon geprägt, bis in Sprache, Kleidung und Sitten hinein, fallen ins Auge. Kleine, fundamentalistische Gemeinschaften, Sekten, denen alle andere ‚draußen‘ als Abgefallene und Verlorene gelten.

In ‚Unorthodox‘ beschreibt die Autorin den verschlungenen Weg ihrer Emanzipation als Frau. Ausgangspunkt ihrer Befreiung ist die Magie, die Kraft des Lesens. Schon als Kind beginnt sie – unerlaubterweise – aus einer nahen Bibliothek Bücher in der verbotenen englischen Sprache zu lesen. Bücher, die ihr neue Horizonte eröffnen, andere Sichtweisen, ja Welten vor Augen führen, von denen sie nie auch nur geträumt hatte.

Dennoch bleibt in ihr ein Loch, ein „tiefer Krater“, wie sie schreibt, der sich mit nichts ausfüllen lässt. Weder mit Essen, noch mit Gehorsam, noch mit dem unbändigen Wunsch fromm zu sein, um so der Familie Ehre zu bereiten. Ihre unzähmbare Sehnsucht nach Freiheit, nach Weite und Würde lässt sie immer wieder neu aufbrechen, allen schmerzlichen Erfahrungen zum Trotz. Heute lebt sie – ausgerechnet – mit ihrem Kind in Berlin.

Ein schmerzhaft klares, bezaubernd schönes Buch über den Sehnsuchts-Funken in jeder von uns, der sich nicht austreten lässt. Jene verborgene Ahnung es muss da mehr als alles geben, die jederzeit einen Flächenbrand entfachen kann.

Deborah Feldman: Unorthodox
btb Verlag 2017
ISBN-10 : 3442715342
ISBN-13 : 978-3442715343

Markus Grünling

(Die Darstellung und Beurteilung dieses Themas gibt die Meinung des Autors/ der Autorin wieder, nicht automatisch aller Mitglieder der AGFT)

Bild: Markus Grünling

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