Berührung

Wir im nördlichen Europa leben in einer Kultur, die mehr und mehr vom Intellekt geprägt wird.  Möglichkeiten zu Berührungen werden weniger und weniger. Küsschen hier und da, eine Umarmung, ja schon das Hände schütteln zur Begrüßung werden ständig uncooler.

Bleiben oft nur noch das Haarewaschen beim Friseur oder das unangenehme Gequetscht-werden in der Straßen- oder U-Bahn bzw. im Zug. Obwohl wir ja alle, tja eben nur wissen, wie wichtig, tröstend und heilend es sein kann, wenn mich jemand achtsam und mit Wohlwollen berührt. Und ja, auch Worte können berühren, ermutigen, trösten und heilen. Aber sie sind doch auch oft trocken, papieren, nüchtern raschelnd, wenig überzeugend – wenig berührend eben, wenn sie allein daherkommen und der Körper parallel dazu oft etwas ganz anders ausdrückt.

Seit sich die Form der Trauerfeiern immer mehr wandelt, weg vom klassischen „Machen Sie doch mal, Sie sind doch die Fachfrau/ der Fachmann“ hin zu „Wir wollen da mitgestalten, das ist schließlich unsere Tote“, kommen auch manch‘ unhinterfragte Gewohnheiten ins Rutschen. Etwa wer denn direkt hinter der Urne oder dem Sarg hergeht. Früher war das klar: der/die Priesterin, die Trauerrednerin bzw. der Freie Theologe. Aber nun? Manchmal laufe bin zwischen zwei Trauernden, manchmal in einen regelrechten Pulk gehüllt, gelegentlich noch allein wie ehedem.

Kürzlich nun kommt nach einigen Metern die Frau des Verstorbenen an meine Seite und läuft neben mir hinter dem Sarg ihres Mannes her, sichtlich nach Fassung und Halt ringend. Eine starke, klare und pragmatische Frau, die während des Trauergesprächs präzise berichtete und Wert darauf legte, Haltung zu bewahren. Ohne lange nachzudenken, lege ich meine Hand über ihre Schuler und sie die ihre um meine Hüfte. So laufen wir einige Meter Arm in Arm, ohne Worte. Bis sie dann wieder losläßt und getrost alleine ihren Weg geht.

Berührung tröstet. Wer wüßte das nicht?

Jetzt auf diesem langen, letzten Weg und nachher am Grab, wo sie viele der Verwandte und Freunde mit oder ohne Worte in der Arm nehmen und zusammen mit ihr weinen werden.

Markus Grünling

(Die Darstellung und Beurteilung dieses Themas gibt die Meinung des Autors/ der Autorin wieder, nicht automatisch aller Mitglieder der AGFT)

(Bildrechte: Markus Grünling)

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