Auf dem Weg zum „Großen Ganzen“

Eben noch rechtzeitig erreichen wir unser Schiff, das uns auf der Havel zu einer kleinen Schlösserrundfahrt mitnehmen wird. Unter Deck ist es ebenso stickig wie kaffefahrtmäßig. Also nichts wie rauf zur Frischluft. Wolken hängen tief, es fieselt vor sich hin, dafür schweift der Blick frei.

Wir fahren entlang der Freundschaftsinsel, vorbei am letzten Fischer Potsdams, der im Sommer in seinem Hausboot lebt, bestaunen die bunte Hafensilhouette, die an Kopenhagen oder Stockholm erinnert. Hier und da werfen vereinzelte Holzstangen im Uferbereich ihre Spiegelbilder ins Wasser: venezianische Impressionen. Dann geht es unter der Glienikerbrücke hindurch, früher die Grenze zwischen der DDR und der Bundesrepublik, berühmt durch filmreife Agenten- bzw. Gefangenaustausche.

Kaum haben wir den Jungfernsee erreicht, meint der Kollege, ein wenig mehr Nebel wäre jetzt aber schön. Schon taucht er an den Rändern des Sees auf und verklärt als samtiger Weichzeichner die Szenerie. Das letzte, was in der dichter werdenden Stille scheppert, sind die ständigen Durchsagen zu den Sehenswürdigkeiten an den Ufern rechts wie links. Aber schon macht es grrrzt und krzzt im Lautsprecher: „Die grrzet Kirkrrt, wurdgrrzt erbau..“ Wir lächeln zufrieden.

„Schaut mal da – Eisschollen im Wasser!“ Gestern war es fast schon Sommer und nun das. Tatsächlich befinden sich fast überall im See schwärzliche Eisplatten, die mit schmatzend-knirschendem Geräusch an der Bordwand des Schiffes vorbeiknarzen. Ein überraschend neuer Ton, der reflexartig den Blick zu den Rettungsbooten schweifen lässt. Auch wenn das Tonband inzwischen wieder läuft: „Rechts sehen sie den Durchgang vom Pfingstberg zur Heilandskirche …“, umhüllt doch der wuchernde Nebel alle Konturen schläfrig mit seinem dämmrigen Mantel. Das Fieseln verwandelt sich in intensiven Regen, der die Temperaturen langsam aber stetig nach unten drückt.

Bevor mich der Regen völlig durchnässt, stiefle ich nach unten. In mir pocht die Frage, was das ‚große Ganze‘ wohl eher zu symbolisieren vermag: Der klare Abendblick  gestern vom Schloss Belvedere? Über die halbe Stadt, ja die ganze Gegend bis zum Horizont, umschwirrt von Fledermäusen und den letzten Strahlen des Frühlingstages? Oder diese ebenso regen- wie nebelverhangene, eisschollenzerfurchte Kreuzfahrt an kaum erahnbaren Schlössern vorbei zur Pfaueninsel? Plötzlich treiben einige Zeilen von Hesse um die steif angeordneten Tische im Bauch des Schiffes: „Seltsam, im Nebel zu wandern! / Einsam jeder Busch und Stein/ Kein Baum sieht den anderen / Dennoch nicht allein…“

Vielleicht muss man hier ja auch keinen Gegensatz konstruieren, kann dem Dualismus entfliehen und das eine mit dem anderen verbinden? Doch angesichts, ach was, mitten im wolkigen Grau auf dem Tiefen See becircen mich  schlussendlich die Worte eines französischen Philosophen: „Das Nichts ist verwegener als das Ganze“, bevor uns endgültig der Nebel gnädig verschluckt.

[Im März trafen sich die Mitglieder der AGFT in Potsdam. Teil des Programms war eine Bootsfahrt]

Markus Grünling

(Die Darstellung und Beurteilung dieses Themas gibt die Meinung des Autors/ der Autorin wieder, nicht automatisch aller Mitglieder der AGFT)

(Bildrechte: Markus Grünling)

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