Am Neckarufer

Wir treffen uns kurz vor 12.00 Uhr am Ufer des Neckars, direkt neben der alten Brücke, wo es seit 2013 einen sogenannten „Liebesstein“ gibt. Dort stehen sie: eben frisch auf dem Standesamt getraut mit zwei Fotografinnen im Schlepptau. Ein weiteres mal heiraten, war nicht ihr Plan. „Wenn wir mal 80 sind in Las Vegas!“, so ihr augenzwinkernder Spruch.

Aber dann, letzten Oktober, zur Feier des 30 jährigen und zugleich des 65. Geburtstages kamen sie eher zufällig nach Heidelberg. Und siehe da, die Schöne hat es ihnen angetan… Etwas undefinierbar Leichtes lag in der Luft, die richtige Mischung von Wind, Wellen, Romantik und Gelassenheit.

Da die Stadt Heidelberg einiges an Geschichte auf dem Buckel hat und bereit ist, aus der Geschichte anderer zu lernen, hat sie an prominenter Stelle, mit Blick auf Neckar, Schloss und Tor zur Altstadt einen großen Sandstein aufstellen lassen, mit metallenen Bügeln rechts und links, damit hier statt an der schönen Brücke die Liebesschlösser angekettet werden können. Während sich viele Paar nicht erst nach 30 Jahren gemeinsamen Weges wieder trennen, haben diese beiden die Chuzpe sich trauen zu lassen, mehr noch auf ein eigenes kleines Ritual zu bestehen, um die Tiefe ihrer Beziehung durchschimmern zu lassen.

Zuerst schlägt leise an passender Stelle das Glockenspiel, exakt in das Atem-holen vor dem erbetenen Segen. Kurz darauf läuten die Glocken der Stadt schwungvoll vom anderen Ufer herüber. Ohne viel Worte spürt man den Beiden an, wie tief sie verbunden sind. Wie neckisch sie sich im Arm halten und noch immer küssen, als wär’s zum ersten mal. Da ist eine Ausstrahlung, eine Aura um sie herum, die sich schlecht in Worte kleiden lässt. Wozu auch?

Kaum erwähne ich das ‚fließende Licht der Gottheit‘, eine Begine zitierend, bricht die Sonne durch die Wolken und auf den Neckarwogen fließt das Licht wie auf hellblau-grauem Seidenstoff.

Im Nachsinnen dann einige Worte aus einem Gedicht von Paul Celan:

Vom Zuviel war die Rede, vom
Zuwenig. Von Du
und Aber-Du

Da-
von
Das Münster stand drüben, es kam
mit einigem Gold übers Wasser.

Dein Aug sah mir zu, sah hinweg
dein Mund
sprach sich dem Aug zu, ich hörte:

Wir
wissen ja nicht, weißt du,
wir wissen ja nicht
was
gilt.

Markus Grünling

(Die Darstellung und Beurteilung dieses Themas gibt die Meinung des Autors/ der Autorin wieder, nicht automatisch aller Mitglieder der AGFT)

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