Song-lines

nächtliche Lichtspuren

Die Zeichnung eines Zen-Mönches. Nichts als ein paar, schwungvoll hingeworfene, verschieden starke Pinselstriche. Viel weiß, viel nichts außenrum. Und doch eine ganze Welt.


Wenn es darum geht, in einer Trauerfeier eine Person zu charakterisieren, laufen wir oft in die Anhäufungsfalle: Viele Daten, viele Geschichten, viele Zitate. Aber hinter all dem Gestrüpp verschwindet jede Persönlichkeit im Vagen und Ungefähren. Mut also zum Verzicht, zum Einfachen, Wesentlichen, zur Konzentration.

Es lässt sich so viel mit so wenig ausdrücken: „Wenn es kompliziert wurde, schwer, unangenehm oder heikel, dann … dann begann sie zu singen. Laut, deutlich, in spontan geschaffenen Versen – mitten in der Arbeit. Dort wo sie eine angesehene und erfolgreiche Kollegin innerhalb eines jungen Teams war. Sie konnte auch leise sein, nur durch das sachte Heben einer Augenbraue, und wenn sie sogar beide nach oben zog, wirkte das, ohne ein Wort.“

Sie konnte sich hinüberschwingen, heraussingen aus einem Problem, Distanz schaffen, Abstand und sich so hinübersingen zu einer Lösung. Sie hat sich das Kindliche erhalten, das Lossingen, wenn’s schwierig wird. Zudem hatte sie Humor, Selbstbewusstsein, war clever und wie es aussieht, jede Menge Erfahrung im Umgang mit Schwerem. Sie griff zurück auf uraltes Menschheitswissen… so wie sich die Aborigines seit Jahrzehnttausenden durch ihr Land, ja durch den ganzen Kontinent singen. Wie Kinder singen im Keller oder beim Spiel.

So und nirgends anders entsteht Kultur: Aus der magischen Aneinanderreihung von gereimten, gesungenen Worten. Aus der Poesie entsprang die Religion. Aus Religion und Poesie entwickelte sich die Philosophie. Philosophie, Religion und Poesie gebaren dann die Wissenschaft.

Nun ist sie früh gestorben. Aber ihre Lebenslust, ihre Fröhlichkeit, ihr Wissen im Umgang auch mit dem Dunkel bleiben. Sie selbst hat uns auf die Brücke verwiesen zu ihr, zu unseren Toten: Wir können uns hinübersingen auf die andere Seite. Können im Gegenlicht einfach eine Augenbraue unmerklich in die Höhe ziehen. Wenn es umungänglich wird, auch die zweite. So bleibst Du bei uns: leicht, federnd und ansteckend.

Markus Grünling

(Die Darstellung und Beurteilung dieses Themas gibt die Meinung des Autors/ der Autorin wieder, nicht automatisch aller Mitglieder der AGFT)

(Bildrechte: Markus Grünling)

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